Tag-Archiv für 'mackertum'

Flausch und Schmerzen – Wochenendreflektion.

Hinter mir liegt ein aufregendes Wochenende in St. Georgen. Die Falken Stuttgart und Pforzheim hatten gemeinsam ein Seminarwochenende zum Thema Körper – Geschlecht – Kapitalismus organisiert. Ich war Teil der Vorbereitungsgruppe und hielt selbst einen Workshop. Wir haben versucht, eine Infrastruktur zu schaffen, in der möglichst vielen Teilnehmer_innen möglichst viel (sicherer) Raum gegeben werden konnte: Es gab ein Medienzimmer mit Büchern, Podcasts und Zines, in das man sich zurückziehen konnte, wenn man ein bisschen Ruhe wollte, es gab einen Frauen_Lesben_Trans*-Raum, der von der Gruppe als solcher respektiert wurde und ein Awarenessteam1. Eine Gruppe hatte am Freitag das meist warme, vegane Essen vorbereitet und vorgekocht, sodass im Laufe des Wochenendes nicht mehr ganz soviel Küchenarbeit anfiel. Für die nichtvegane Ernährung gab es morgens Käse und Wurst aufs Brötchen. Aufgaben wie Spülen, Putzen, Wischen oder Tisch decken übernahmen die Teilnehmer_innen gemeinsam und ich hatte den Eindruck, dass sich alle dafür verantwortlich fühlten und jede_r da anpackte, wo sie_er konnte. Gleich zur Begrüßung stellten wir das Definitionsmacht-Konzept vor und erklärten, warum wir uns vorab dafür entschieden hatten. Es gab viel Arbeit in Kleingruppen, um einen Wettstreit der Theoriemacker_innen zu verhindern, wir klärten vorher Handzeichen und Moderationsweisen und schafften dadurch eine (für mich überraschend) hohe Qualität der Gesprächskultur.
Inhaltlich hatten wir ein dichtes Programm vorbereitet: Vorträge und Workshops und ein Forumtheater zu Alltagssexismus & Vorschläge, wie wir damit umgehen können, den Geschlechterverhältnissen bei Produktion und Reproduktion und deren Notwendigkeit für einen funktionierenden Kapitalismus, Texte zu Körper und Staat, Polyamorie und Kritik der polysexuellen Ökonomie sowie Thesen zur Romantischen Zweierbeziehung. Draußen regnete es, dadurch hielten sich die 21 Teilnehmer_innen hauptsächlich in der kleinen Hütte auf und diskutierten in der knappen Pausenzeit oder Abends bei einem Bier noch weiter.
Im Nachhinein denke ich, es ist wichtig, viel weniger Input anzubieten und viel mehr Zeit und Platz für Entspannung, Austausch und die (antisexistische) Praxis zur Theorie einzuplanen. Inhaltlich würde ich für einen nächsten Workshop (falls es ihn geben wird) auch zu Trans_Identitäten, queerer Politik, Rassismus/Whiteness und hegemonialer Männlichkeit im Alltag arbeiten wollen.
In privaten Gesprächen mit Teilnehmer_innen kam nicht nur ich zu der Feststellung, dass mehr Zeit zum Nachdenken über die vielen frisch gelernten Inhalte manche Anspannung in der Gruppe verringern könnte: Gerade wenn es um so sehr mit der eigenen Identität verschwurbelte Themen wie Geschlechterrollen und Sexismus geht, sind viele Gefühle im Spiel. Viele wollen sich äußern und ihre Erfahrungen austauschen. Wenn Zeitdruck herrscht, reagieren manche mit dominantem Verhalten, um auf jeden Fall noch gehört zu werden, andere hingegen ziehen sich zurück, weil sie die knappe Zeit nicht für sich beanspruchen wollen.

Für mich war es das erste Mal, dass ich so explizit mit Definitionsmacht gearbeitet habe. Ich habe in den (zum Glück wenigen) Situationen, in denen Grenzverletzungen verhandelt wurden, wahnsinnig viel gelernt und die Rückmeldung, die ich von den jeweils Betroffenen bekommen habe, ist sehr ermutigend, mich weiter damit auseinander zu setzen.
Alles in allem hatte ich ein wahnsinnig ermutigendes, erhellendes, lehrreiches, anstrengendes, aufwühlendes, schönes und verheißungsvolles Wochenende. Ich habe viele tolle Frauen*, Männer* und Menschen jenseits davon kennen gelernt, mich vernetzt, Erfahrungen und wertvolles Wissen ausgetauscht und Perspektiven für weitere Arbeit gewonnen.

Aber jetzt kommt noch ein Aber, das ich euch nicht ersparen möchte. Wer keine alten Erinnerungen an nicht ernst genommene Übergriffe und ähnliches triggern möchte, liest ab hier lieber nicht weiter!

Schmerzensboys reloaded?

In der gemeinsamen Reflektionsrunde am Sonntag, außerdem in Gesprächen unter vier Augen und in einer Feedback-Email äußerten sich mehrere Teilnehmer über die Atmosphäre am Wochenende. Männer* schilderten:
Sie haben sich angespannt gefühlt, hatten Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun, fühlten sich durch das als aggressiv empfundene Vorstellen des Definitionsmacht-Verfahrens vorverurteilt oder als Mann unter Generalverdacht gestellt. Die Definitionsmacht am ersten Abend und während der Begrüßung zu erklären, habe einen negativen Ausblick hergestellt, stattdessen hätte man sich vorfreudig auf die schöne gemeinsame Zeit berufen sollen. Dass der Umgang mit einer Grenzüberschreitung teilweise innerhalb der ganzen Gruppe stattfand, wurde als störend und bedrückend für das Gruppenklima empfunden. Manche Männer* und eine Frau* äußerten, dass sie das gesamte Wochenende über einen Zwang zu Political correctness und zu Harmonie empfunden haben und sich dadurch nicht frei fühlen konnten.
Ein Genosse antwortete zum Ende der Reflektionsrunde auf die Schmerzensschmerzen, worüber ich sehr froh war. Er sagte (sinngemäß), dass es ein Unwohlgefühl ist, wenn das eigene Geschlecht/Gender sichtbar gemacht wird, wenn das Verhalten in der eigenen Geschlechterrolle diskutiert wird, wenn Unterdrückungsmechanismen, an denen man selbst aktiv beteiligt ist, aufgezeigt und kritisiert werden. Dass das ein Gefühl von Unfreiheit, Anspannung, Unsicherheit und vielleicht sogar Angst hervorruft, ist normal. Frauen* und genderqueere Menschen sind fast immer und fast überall in genau dieser Situation. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass ihr Verhalten als Geschlechterrolle wahrgenommen und ggfs. abgewertet wird.
Ich füge hinzu: „Willkommen in unserer Welt.“

Wenn du mackerisch bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dein Mackerverhalten angreifen. Wenn du sexistisch handelst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere deinen Sexismus thematisieren. Wenn du Grenzen verletzt, muss es sich scheiße anfühlen, wenn die andere Person dir deine Grenzverletzung spiegelt. Wenn du ein Mann* bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn dir die nichtmännlichen Leute um dich rum erklären, welche Privilegien du besitzt. Wenn du breitbeinig dasitzt und mit deiner Stimme einen Raum beherrschst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dir schildern, wie ohnmächtig und verloren sie deine Dominanz machen kann.
Ich sehe keinen Sinn in der Theorie ohne die Praxis. Wenn du 8 Stunden lang zuhörst und nickst und zustimmst und diskutierst, dass das Patriarchat ein fieser Misthaufen ist, dich aber freust, dass du Abends beim Bier endlich wieder normal und entspannt sein, also deine alltäglichen Privilegien wieder in Anspruch nehmen kannst, dann hast du die ganzen 8 Stunden lang kein Wort verstanden.
Wenn du zuhörst und nickst und zustimmst und diskutierst, dass radikale Solidarität mit Betroffenen ein Weg ist, Vergewaltigungsverharmlosung, Victim Blaming2 und Täterschutz zu verhindern, diesem Konzept aber im gleichen Atemzug unterstellst, dass es dich von vorneherein als Vergewaltiger abstempelt, dann hast du genauso aufmerksam zugehört wie ein Wackeldackel.
Du unterstellst, noch bevor überhaupt irgendwer irgendeiner Grenzverletzung oder eines Übergriffs beschuldigt wurde, dass die (fiktive) betroffene Person diese Beschuldigung zu Unrecht ausgesprochen haben wird. Dein Abwehrverhalten gegen die Definitionsmacht der Betroffenen zeigt vor allem dies: Du hast Angst, dass jemand dein Verhalten ihm_ihr gegenüber als Grenzverletzung einstufen könnte, ohne dass du dies geplant oder gewollt hast. Und eine Grenzverletzung, die du nicht gewollt hast, ist deiner Meinung nach gar keine Grenzverletzung, weil du nur Gutes im Sinn hast und weil du kein Vergewaltiger bist. Du glaubst, das selbst am besten zu wissen. Du sprichst der_dem Betroffenen ihre_seine Definitionsmacht, die du ihm_ihr vor ein paar Minuten noch großzügig zugestanden hast, wieder ab.

Was du stattdessen tun könntest: Dein Unwohlgefühl und deine Unsicherheit als Erfahrung wahrnehmen – du hast nun einen kleinen Blick durchs Schlüsselloch erhaschen können, wie für nicht männlich Privilegierte der Alltag aussehen kann. Dein Verhalten ganz genau überprüfen – frag dich doch mal, wie oft du Leute berührst, ohne zu wissen, ob du das darfst; wie oft du sie beschimpfst, ohne zu merken, dass du sie beschimpft hast; wie oft du ihnen ihre Subjektivität absprichst; wie oft du ihnen Raum und Zeit nimmst; wie oft du dich ihnen zu Lasten ausbreiten darfst. Deinen Umgang mit anderen radikal verändern – wenn du nicht mehr weißt, was du noch sagen kannst, ohne dass es eine_n verletzt, halt doch einfach mal die Klappe. Wenn du Angst hast, Grenzen zu überschreiten, dann hör doch einfach mal auf, Leute anzufassen. Du wirst mit der Zeit lernen, was es bedeutet, Grenzen zu respektieren.
Die Erfahrung zu machen Ich werde nicht gehört, ich bin unwichtig, meine Meinung zählt nicht soviel wie sonst, meine Sicht der Dinge ist nicht die einzige wahre, objektive Sicht, nach der sich alle richten hat noch keinem Mann* geschadet. Wir anderen haben sie schon tausendmal gemacht und machen sie jeden Tag aus Neue.
Wenn es dir ernst ist mit der Patriarchatsbekämpfung und diesem ganzen Feminismus, wenn du bis hierher gelesen hast und noch nicht vor Wut an die Decke gegangen bist, dann habe ich noch einen Ratschlag für dich: Gründe eine Männer*gruppe.
Reflektionen wie die, die ich hier geschildert habe, sind schwer. Neue Perspektiven auf den eigenen Alltag können belastend sein. Unsicherheit und Angst sind keine schönen Gefühle. Es kann sein, dass du dich nach Austausch sehnst, nach anderen, die ähnliche Erfahrungen machen wie du, und die deine Anstrengungen werschätzen. Mach nicht den Fehler, diese Austauschpartner_innen bei deinen feministischen Freundinnen oder Bekannten weiblicher Sozialisierung zu suchen. Klar bieten die sich an, sehen die doch aus erster Hand, wie toll du seit neustem deine geschlechterinkludierende3 Sprache benutzt und wie vorbildlich du dich nun um den Abwasch nach dem Plenum kümmerst. Da können die ja auch ruhig mal ein bisschen dankbar reagieren und dich beglückwünschen, denkst du. Schließlich tust du das ja um ihretwillen, oder nicht?
Nein, nicht ganz. Antisexistisches Verhalten ist eine Selbstverständlichkeit, für die sich keine Feministin der Welt bedanken muss. Wieso soll ich dankbar dafür sein, dass du mir neuerdings nicht mehr ungefragt in die Nase kneifst, mir nicht mehr das Wort abschneidest, mir nicht mehr deinen dreckigen Teller zum spülen stehen lässt? Es ist fucking selbstverständlich, mich wie einen Menschen zu behandeln.
Also, sprich mit den anderen Jungs* über deine neuen Probleme. Gemeinsam könnt ihr Strategien entwickeln, wie ihr die Feministinnen um euch herum unterstützt, wie ihr sexistische Macker in eurer Umgebung platt macht, wie ihr in euren (heterosexuellen) Zweierbeziehungen darauf achten könnt, keine beschissenen Mechanismen aus den 1950er Jahren zu wiederholen und euch ab und zu gegenseitig auf die Schulter klopfen für die ganze Mühe, die ihr euch gebt.

Ich freue mich auf euch als feministische Verbündete.

  1. Personen, die auf diskriminierendes oder übergriffiges Verhalten achten und Ansprechpartner_innen sind. [zurück]
  2. Den Betroffenen die Schuld für eine Vergewaltigung geben (zB:“Du warst betrunken“,“Deine Kleidung war zu sexy.“,“Du hast doch schon vorher mit ihm Sex gehabt.“ usw.) [zurück]
  3. Sprache, die versucht, alle Geschlechter mitzudenken und einzuschließen. Auch bekannt als „gendern“. [zurück]

Muskelkater vom Maulen – die Sache mit den Schmerzensboys

Hallo Jungs,
dieser Text richtet sich an alle, die male privilege besitzen. Ganz besonders an diejenigen unter euch, die sich offen oder heimlich als queer/feministisch, herrschaftskritisch und generell flauschig definieren.

Ihr habt euch mit euren Geschlechterrollen auseinandergesetzt, habt gegrübelt und eure Identitäten hinterfragt, wart sauer und bestürzt und habt irgendwann beschlossen, das wollt ihr ändern. Ihr twittert antisexistische Parolen, bloggt gegen Diskriminierung und demonstriert gegen Lohnungleichheit. Und dann habt ihr eure Gefühle entdeckt. Diese Gefühle, die in der männlichen Öffentlichkeit keinen Platz haben sollen. Ihr habt angefangen, sie zuzulassen und vielleicht sogar, mit anderen über sie zu sprechen.

Jetzt kommt das Problem.

Frauen und weiblich diskriminierte Menschen haben auch viele Gefühle. Wenn sie weinen, wenden sich ihre Freund_innen selten peinlich berührt von ihnen ab. Sie dürfen Angst haben, Freudentränen vergießen und vor Wut kreischen. Auch in der Öffentlichkeit.
Aber das ist kein Vorteil, den sie euch gegenüber haben. Das ist kein Beweis dafür, dass unter dem Patriarchat alle irgendwie gleich viel leiden. Die öffentlichen weiblichen Gefühle kommen mit einer gesalzenen Rechnung: In allen öffentlichen Bereichen (Beruf/Job, politische Gruppen, Plena und was weiß ich wo noch) führt das Gefühlvollsein für Grrrls dazu, dass sie aufgrund ihres Geschlechts/Genders nicht oder noch weniger ernst genommen werden. Eine weinende Frau* ist empfindlich, eine wütende Frau* übertreibt maßlos, eine schreiende, brüllende Frau* ist hysterisch, eine lachende Frau* ist albern, eine lächelnde Frau* ist weich, … Ich hoffe, eure Fantasie und eure Beobachtungsgabe können die Beispiele weiterführen. Gefühle haben alle Menschen. Gefühle zeigen ist gegendert.

Ich muss mich jedes Mal zensieren, wenn ich in einem öffentlichen Raum agieren und ernst genommen werden möchte. Ich atme tief durch, damit meine Stimme nicht zittert, weil ich in Wirklichkeit koche vor Wut. Ich schlucke meine Tränen runter, damit mein Anliegen angehört wird. Ich senke meine Stimme, damit ich nicht losbrülle und mit dem Fuß aufstampfe.
Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass meine rational vorgetragen und argumentativ wasserdichten Anliegen, wenn sie meinem Gegenüber missfallen, als emotional / unseriös / hysterisch / übertrieben abgetan werden. Ich kann mich nicht dagegen entscheiden, als weiblich gelesen zu werden. Ich muss dafür arbeiten trotzdem so behandelt zu werden, wie es für euch aufgrund eures male privilege normal ist.

Jetzt kommt ihr, frisch aus der Badewanne des Patriarchats, gecremt und gepudert, und wollt auch endlich mal traurig sein dürfen.

Das ist toll. Alle sollen so viel fühlen, wie sie nur können.

Aber.
Ist euch aufgefallen, dass ihr die einzigen seid, die ihre großen und kleinen Traurigkeiten ungefiltert und unendlich oft in die Feministeria ballern? Wieso seid ihr der Ansicht, einen Raum wie den queer/feministischen Netzkosmos mit euren Whiteboyproblems beschäftigen zu müssen? Habt ihr mal darüber nachgedacht, dass ihr mit euren vielen Tränen Ressourcen fresst, die andere sowieso schon weniger zur Verfügung haben als ihr, weil sie nicht mit dem goldenen Panzer des weißen Dudes gerüstet sind? Wieso paradiert ihr euer Privileg in unsere Gesichter?
Subtile Selbstironie, die ich beim Club der Schmerzensschmerzen e.V. bisher nicht erkannt habe, würde das auch nicht entschuldigen.

Wie ihr diese Widersprüche löst, ist nicht mein Problem. Es ist eure Pflicht, um mal einen eher archaischen Begriff zu benutzen.
Findet Lösungen, die euch und uns erlauben, weichherzige, gefühlvolle Menschen zu sein. Überlegt euch, wie ihr feministische Männer* sein könnt, ohne die Feminist_innen mit eurem Mannsein zu belasten.
Das ist das mindeste, was ihr tun könnt, wenn ihr von mir weiter als feministische Verbündete gesehen werden wollt.

PS: Bevor ihr eine Erwiderung in die Tasten haut, macht euch bewusst, dass ich mir die Mühe gemacht habe, euch den Sachverhalt zu erklären. Diesem Text gehen Gespräche mit Feminist_innen voraus, die sich stattdessen sicher lieber über was anderes als den ausgereiften Dude-ismus unterhalten hätten. Ressourcen und so.

Ich möchte alles (verstehn)

Herrmann Herman tut seine wichtige Meinung zum Thema Überfremdung und Unterbelichtung kund. Darauf haben wir schon lange gewartet.

Herrmann Hermans wichtige Ansichten zu Film, Fernsehen und Theater

- Brüllende, kämpfende, prügelnde Männer sind langweilig.
- (Sexualisierte) Gewalt gegen Frauen ist ein abgelutschtes dramatisches Mittel und nervt.
- Eine Geschichte, die den Bechdel-Test nicht besteht, muss sich einer zehnmal kritischeren Betrachtung unterziehen als eine normale Geschichte.
- Rassistische Klischees und Statements sind inakzeptable Scheiße und diskreditieren den Film/das Stück/die Inszenierung als Ganzes.
- Geschichten, in denen als heilendes Element eine Romantische Zweierbeziehung steht, sind dumme Propaganda für den Rückzug ins Private (vgl. Biedermeier).
- Schwul, Schwarz und schlank sind keine Charaktereigenschaften.
- Biopics über (weiße, hetero, cis-)Männer und ihren harten Weg nach irgendwohin sind überflüssige Zeitverschwendung.
- Geschichten von Underdogs sind nicht automatisch gesellschaftlich sinnstiftend (vgl. Bushido, Zuckerberg)
- Wenn Menschen mit normgerechter Attraktivität in sexuellem Kontext gezeigt werden, muss sich der Film/die Inszenierung einer zehnmal kritischeren Betrachtung unterziehen als ein normaler Film/eine normale Inszenierung.
- Männer, die Filme über weibliche Prostitution/Sexarbeit/die Reeperbahn machen, müssen sich einer zehnmal kritischeren Betrachtung unterziehen als normale Männer.
- Figuren aus dem Arbeiter_innenmilieu oder dem Prekariat (zB Pförtner_innen, Kellner_innen, Obdachlose), die Figuren aus der Mittel- und Oberschicht weise Ratschläge erteilen oder ihnen vermitteln, wie glücklich sie mit ihrem simplen Leben sind, dienen dazu, soziale Unterschiede und Ungerechtigkeiten zu verschleiern.
- Hervorragende Beherrschung der Technik/ästhetischen Mittel machen niemals eine dumme/schlechte Geschichte wett. Sie sind auch keine Entschuldigung für eine faschistoide Grundaussage (vgl. Avatar).
- Bürgerliche Seelenpein ist in vielen Fällen ein nerviges Sujet.
- Für enttäuschende schauspielerische Leistung ist in vielen Fällen die Regie verantwortlich.
- Im Kino und im Theater dürfen die Konsument_innen Geräusche machen, zB lachen, wütend schnauben, husten, orrrr sagen, etc.
- Fehlende Inspiration ist keine Krise, die es wert ist, auf die Bühne/Leinwand gebracht zu werden.
- Expert_innenrunden, in denen mehr als 50% Männer sitzen, sind schwer ernst zu nehmen.
- Scripted Reality spiegelt nicht die Wirklichkeit wieder, sondern hilft der bürgerlichen Mittelschicht bei der emotionalen Abgrenzung von den niedrigeren Klassen/Milieus.

Kein Verständnis für Triebe / Männer sind auch nur Menschen // Woher kommt wohl die Valerie Solanas in mir?

Vorsichtige Triggerwarnung: Der Text thematisiert sexuelle Übergriffe.

Ich studiere an einer Theaterakademie. Neben meiner Akademie ist auch noch eine Filmakademie ansässig, und diese beiden Schulen kooperieren miteinander. In der kleinen Stadt, in der das stattfindet, ist es ganz normal, dass sich die Studierenden und Dozierenden beider Häuser untereinander kennen und in Projekten zusammenarbeiten.

Ich genieße in Zeiten des Sparwahns und der Bildungsmisere den Luxus, in einer Klasse mit zwei anderen Kommiliton_innen zu sitzen, manchmal haben wir in größeren Gruppen Unterricht, manchmal gibt es eine einzige Lehrerin nur für mich. Man kümmert sich um meine Ausbildung, darum, dass meine Interessen angesprochen und mein vorhandenes Wissen vertieft wird. Ich kann mich glücklich schätzen und wünschte, alle, die es wollten, könnten in ihrer Ausbildung eine ähnliche Betreuung erfahren wie ich.
Aber es ist nicht alles Gold und Zuckerwatte bei uns.
Schon in den ersten Tagen meines allerersten Schuljahres erfuhr ich im Flurfunk, dass der Direktor einer der Akademien dafür bekannt sei, in der örtlichen studentischen Kneipe abzuhängen und Studentinnen „abzuschleppen“. Es sei vorgekommen, dass Kommiliton_innen morgens auf der WG-Couch einen verkaterten Schulleiter vorgefunden hätten. Jede_r kennt irgendeine, die schonmal von ihm angegraben wurde. Der Direktor ist beliebt, ein Kumpeltyp, seine angeblichen Affären werden als „Eroberungen“ gesehen und über die nächtlichen Geschichten wird gelacht.
Die Gerüchte und Geschichten gehen weiter. Dozenten, die Studentinnen anmachen, vorzugsweise betrunken in der höchstfrequentierten Kneipe der Stadt. Dozenten, die die privaten Nummern von Studentinnen nutzen, um sie zu einer unangemessen späten Uhrzeit mit zweideutigen SMS zu belästigen. Dozenten, die Studentinnen im Einzelunterricht anmachen. Dozenten, die lachen und abwehren, wenn eine bei ihnen über ihre Probleme mit anderen Dozenten klagt.
Kommiliton_innen, die gerne tratschen, aber nicht reflektieren, was der Inhalt des Tratsches eigentlich bedeutet. Kommiliton_innen, die Beschwerden über Belästigungen abtun oder sogar der Betroffenen die Schuld dafür geben. Kommiliton_innen, die Betroffenen keinen Glauben schenken, weil sie die idealisierten, manchmal auch in der jeweiligen Branche bekannten und berühmten Dozierenden nicht verunglimpfen möchten.

Ich denke nicht, dass in unserer Stadt mehr Übergriffe durch Dozierende stattfinden, als an anderen Unis. Ich möchte auch Flirten nicht verteufeln, einvernehmliches schon gar nicht
. Aber ein paar Gedanken gehen mir nicht mehr aus dem Kopf:

Eine Studendtin, die am Abend vorher von ihrem Dozent mit sexuellen Avancen konfrontiert worden ist, verspürt möglicherweise gewisse Hemmungen, ihn am nächsten Tag ungezwungen auf dem Schulhof um Rat zu fragen. Eine Studentin, die erfahren hat, wie anderen Betroffenen nicht geglaubt wurde, verspürt möglicherweise gewisse Hemmungen, den selbst erlebten Übergriff öffentlich zu machen und anzuprangern. Eine Studentin, deren Dozent die Grenze zum privaten gegen ihren Willen überschritten hat, verspürt möglicherweise eine gewisse Hemmung, sich im Unterricht charismatisch hervorzutun oder den betreffenden Dozenten um Rat zu fragen.

Bei einer gestalterischen, künstlerischen oder kreativen Ausbildung stecken Leute ihr Herzblut in ihre Projekte. Es braucht Vertrauen zu den Dozierenden, um über die eigenen Arbeiten diskutieren zu können. Eine kleine Schule birgt meistens nicht die Möglichkeit, nach einer schlechten Erfahrung einfach an andere Dozierende heranzutreten, den_die Mentor_in zu wechseln, ein anderes Seminar zu belegen. Auch die gesetzliche Regelung, nach der Beziehungen zwischen Dozierenden und Studierenden nicht verboten sind, jedoch erfordern, dass zB der Dozent seine (auch ehemalige) Freundin nicht prüfen darf, sind schwer einzuhalten, falls überhaupt bekannt.
Ich denke schon lange über diesen Missstand nach und wälze in meinem Kopf Lösungsmöglichkeiten und Verzweiflung hin und her. Ich begreife oft nicht, wie es sein kann, dass die anderen diese Missstände nicht zu sehen scheinen. Wieso sie nicht wütend ihre Dozierenden anbrüllen, ihre Kommiliton_innen zurechtweisen, solidarisch füreinander einstehen, wenn einer was passiert.

Wenn dann in der offiziellen Eröffnungsfeier zum Schuljahresbeginnn zwei Stunden lang nur Männer auf der Bühne stehen, scheinbar wichtige Männer, die scheinbar berühmte andere Männer interviewen, die mit scheinbar befreundeten Männern in der ausschließlich männlichen Musikcombo spielen, die humorvoll aus der scheinbar männlichen Führungsriege der Akademie zusammengesetzt wurde; wenn ein Film gezeigt wird von einem männlichen Absolventen der Akademie, der von einem weißen Mann handelt, der in einer männlich besetzten Haute Cuisine Souschef ist und sich an seiner Vaterfigur respektive Küchenchef abarbeitet, um zum Schluss den männlichen Michelin-Kritiker zu beeindrucken, im Showdown die eigene Freundin mal eben im Kühlschrank einsperrt, woraufhin sie ihn verlässt und nie wieder thematisiert wird; wenn ein weißer, männlicher Kommilitone einen von der Akademie finanzierten Film drehen kann, der rassistisch, sexistisch und in plump väterlichem Tonfall den weißen Frauen die Welt herrklärt und dafür breites Lob entgegen nehmen darf; dann fällt es schwer, nicht jede Männlichkeit als Symbol und stellvertretend für die hegemoniale zu sehen, nicht an die patriarchale Großverschwörung zu glauben und nicht eine auf Valerie Solanas zu machen…

Viele persönliche Texte, Erfahrungsberichte und Informationen darüber, was passiert, wenn eine nach einem Übergriff an der Uni aktiv wird und sich wehrt, schreibt übrigens Lucrezia auf

Das Zitat im Titel stammt aus

von Respect My Fist, feat. Sookee.