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Flausch und Schmerzen – Wochenendreflektion.

Hinter mir liegt ein aufregendes Wochenende in St. Georgen. Die Falken Stuttgart und Pforzheim hatten gemeinsam ein Seminarwochenende zum Thema Körper – Geschlecht – Kapitalismus organisiert. Ich war Teil der Vorbereitungsgruppe und hielt selbst einen Workshop. Wir haben versucht, eine Infrastruktur zu schaffen, in der möglichst vielen Teilnehmer_innen möglichst viel (sicherer) Raum gegeben werden konnte: Es gab ein Medienzimmer mit Büchern, Podcasts und Zines, in das man sich zurückziehen konnte, wenn man ein bisschen Ruhe wollte, es gab einen Frauen_Lesben_Trans*-Raum, der von der Gruppe als solcher respektiert wurde und ein Awarenessteam1. Eine Gruppe hatte am Freitag das meist warme, vegane Essen vorbereitet und vorgekocht, sodass im Laufe des Wochenendes nicht mehr ganz soviel Küchenarbeit anfiel. Für die nichtvegane Ernährung gab es morgens Käse und Wurst aufs Brötchen. Aufgaben wie Spülen, Putzen, Wischen oder Tisch decken übernahmen die Teilnehmer_innen gemeinsam und ich hatte den Eindruck, dass sich alle dafür verantwortlich fühlten und jede_r da anpackte, wo sie_er konnte. Gleich zur Begrüßung stellten wir das Definitionsmacht-Konzept vor und erklärten, warum wir uns vorab dafür entschieden hatten. Es gab viel Arbeit in Kleingruppen, um einen Wettstreit der Theoriemacker_innen zu verhindern, wir klärten vorher Handzeichen und Moderationsweisen und schafften dadurch eine (für mich überraschend) hohe Qualität der Gesprächskultur.
Inhaltlich hatten wir ein dichtes Programm vorbereitet: Vorträge und Workshops und ein Forumtheater zu Alltagssexismus & Vorschläge, wie wir damit umgehen können, den Geschlechterverhältnissen bei Produktion und Reproduktion und deren Notwendigkeit für einen funktionierenden Kapitalismus, Texte zu Körper und Staat, Polyamorie und Kritik der polysexuellen Ökonomie sowie Thesen zur Romantischen Zweierbeziehung. Draußen regnete es, dadurch hielten sich die 21 Teilnehmer_innen hauptsächlich in der kleinen Hütte auf und diskutierten in der knappen Pausenzeit oder Abends bei einem Bier noch weiter.
Im Nachhinein denke ich, es ist wichtig, viel weniger Input anzubieten und viel mehr Zeit und Platz für Entspannung, Austausch und die (antisexistische) Praxis zur Theorie einzuplanen. Inhaltlich würde ich für einen nächsten Workshop (falls es ihn geben wird) auch zu Trans_Identitäten, queerer Politik, Rassismus/Whiteness und hegemonialer Männlichkeit im Alltag arbeiten wollen.
In privaten Gesprächen mit Teilnehmer_innen kam nicht nur ich zu der Feststellung, dass mehr Zeit zum Nachdenken über die vielen frisch gelernten Inhalte manche Anspannung in der Gruppe verringern könnte: Gerade wenn es um so sehr mit der eigenen Identität verschwurbelte Themen wie Geschlechterrollen und Sexismus geht, sind viele Gefühle im Spiel. Viele wollen sich äußern und ihre Erfahrungen austauschen. Wenn Zeitdruck herrscht, reagieren manche mit dominantem Verhalten, um auf jeden Fall noch gehört zu werden, andere hingegen ziehen sich zurück, weil sie die knappe Zeit nicht für sich beanspruchen wollen.

Für mich war es das erste Mal, dass ich so explizit mit Definitionsmacht gearbeitet habe. Ich habe in den (zum Glück wenigen) Situationen, in denen Grenzverletzungen verhandelt wurden, wahnsinnig viel gelernt und die Rückmeldung, die ich von den jeweils Betroffenen bekommen habe, ist sehr ermutigend, mich weiter damit auseinander zu setzen.
Alles in allem hatte ich ein wahnsinnig ermutigendes, erhellendes, lehrreiches, anstrengendes, aufwühlendes, schönes und verheißungsvolles Wochenende. Ich habe viele tolle Frauen*, Männer* und Menschen jenseits davon kennen gelernt, mich vernetzt, Erfahrungen und wertvolles Wissen ausgetauscht und Perspektiven für weitere Arbeit gewonnen.

Aber jetzt kommt noch ein Aber, das ich euch nicht ersparen möchte. Wer keine alten Erinnerungen an nicht ernst genommene Übergriffe und ähnliches triggern möchte, liest ab hier lieber nicht weiter!

Schmerzensboys reloaded?

In der gemeinsamen Reflektionsrunde am Sonntag, außerdem in Gesprächen unter vier Augen und in einer Feedback-Email äußerten sich mehrere Teilnehmer über die Atmosphäre am Wochenende. Männer* schilderten:
Sie haben sich angespannt gefühlt, hatten Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun, fühlten sich durch das als aggressiv empfundene Vorstellen des Definitionsmacht-Verfahrens vorverurteilt oder als Mann unter Generalverdacht gestellt. Die Definitionsmacht am ersten Abend und während der Begrüßung zu erklären, habe einen negativen Ausblick hergestellt, stattdessen hätte man sich vorfreudig auf die schöne gemeinsame Zeit berufen sollen. Dass der Umgang mit einer Grenzüberschreitung teilweise innerhalb der ganzen Gruppe stattfand, wurde als störend und bedrückend für das Gruppenklima empfunden. Manche Männer* und eine Frau* äußerten, dass sie das gesamte Wochenende über einen Zwang zu Political correctness und zu Harmonie empfunden haben und sich dadurch nicht frei fühlen konnten.
Ein Genosse antwortete zum Ende der Reflektionsrunde auf die Schmerzensschmerzen, worüber ich sehr froh war. Er sagte (sinngemäß), dass es ein Unwohlgefühl ist, wenn das eigene Geschlecht/Gender sichtbar gemacht wird, wenn das Verhalten in der eigenen Geschlechterrolle diskutiert wird, wenn Unterdrückungsmechanismen, an denen man selbst aktiv beteiligt ist, aufgezeigt und kritisiert werden. Dass das ein Gefühl von Unfreiheit, Anspannung, Unsicherheit und vielleicht sogar Angst hervorruft, ist normal. Frauen* und genderqueere Menschen sind fast immer und fast überall in genau dieser Situation. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass ihr Verhalten als Geschlechterrolle wahrgenommen und ggfs. abgewertet wird.
Ich füge hinzu: „Willkommen in unserer Welt.“

Wenn du mackerisch bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dein Mackerverhalten angreifen. Wenn du sexistisch handelst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere deinen Sexismus thematisieren. Wenn du Grenzen verletzt, muss es sich scheiße anfühlen, wenn die andere Person dir deine Grenzverletzung spiegelt. Wenn du ein Mann* bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn dir die nichtmännlichen Leute um dich rum erklären, welche Privilegien du besitzt. Wenn du breitbeinig dasitzt und mit deiner Stimme einen Raum beherrschst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dir schildern, wie ohnmächtig und verloren sie deine Dominanz machen kann.
Ich sehe keinen Sinn in der Theorie ohne die Praxis. Wenn du 8 Stunden lang zuhörst und nickst und zustimmst und diskutierst, dass das Patriarchat ein fieser Misthaufen ist, dich aber freust, dass du Abends beim Bier endlich wieder normal und entspannt sein, also deine alltäglichen Privilegien wieder in Anspruch nehmen kannst, dann hast du die ganzen 8 Stunden lang kein Wort verstanden.
Wenn du zuhörst und nickst und zustimmst und diskutierst, dass radikale Solidarität mit Betroffenen ein Weg ist, Vergewaltigungsverharmlosung, Victim Blaming2 und Täterschutz zu verhindern, diesem Konzept aber im gleichen Atemzug unterstellst, dass es dich von vorneherein als Vergewaltiger abstempelt, dann hast du genauso aufmerksam zugehört wie ein Wackeldackel.
Du unterstellst, noch bevor überhaupt irgendwer irgendeiner Grenzverletzung oder eines Übergriffs beschuldigt wurde, dass die (fiktive) betroffene Person diese Beschuldigung zu Unrecht ausgesprochen haben wird. Dein Abwehrverhalten gegen die Definitionsmacht der Betroffenen zeigt vor allem dies: Du hast Angst, dass jemand dein Verhalten ihm_ihr gegenüber als Grenzverletzung einstufen könnte, ohne dass du dies geplant oder gewollt hast. Und eine Grenzverletzung, die du nicht gewollt hast, ist deiner Meinung nach gar keine Grenzverletzung, weil du nur Gutes im Sinn hast und weil du kein Vergewaltiger bist. Du glaubst, das selbst am besten zu wissen. Du sprichst der_dem Betroffenen ihre_seine Definitionsmacht, die du ihm_ihr vor ein paar Minuten noch großzügig zugestanden hast, wieder ab.

Was du stattdessen tun könntest: Dein Unwohlgefühl und deine Unsicherheit als Erfahrung wahrnehmen – du hast nun einen kleinen Blick durchs Schlüsselloch erhaschen können, wie für nicht männlich Privilegierte der Alltag aussehen kann. Dein Verhalten ganz genau überprüfen – frag dich doch mal, wie oft du Leute berührst, ohne zu wissen, ob du das darfst; wie oft du sie beschimpfst, ohne zu merken, dass du sie beschimpft hast; wie oft du ihnen ihre Subjektivität absprichst; wie oft du ihnen Raum und Zeit nimmst; wie oft du dich ihnen zu Lasten ausbreiten darfst. Deinen Umgang mit anderen radikal verändern – wenn du nicht mehr weißt, was du noch sagen kannst, ohne dass es eine_n verletzt, halt doch einfach mal die Klappe. Wenn du Angst hast, Grenzen zu überschreiten, dann hör doch einfach mal auf, Leute anzufassen. Du wirst mit der Zeit lernen, was es bedeutet, Grenzen zu respektieren.
Die Erfahrung zu machen Ich werde nicht gehört, ich bin unwichtig, meine Meinung zählt nicht soviel wie sonst, meine Sicht der Dinge ist nicht die einzige wahre, objektive Sicht, nach der sich alle richten hat noch keinem Mann* geschadet. Wir anderen haben sie schon tausendmal gemacht und machen sie jeden Tag aus Neue.
Wenn es dir ernst ist mit der Patriarchatsbekämpfung und diesem ganzen Feminismus, wenn du bis hierher gelesen hast und noch nicht vor Wut an die Decke gegangen bist, dann habe ich noch einen Ratschlag für dich: Gründe eine Männer*gruppe.
Reflektionen wie die, die ich hier geschildert habe, sind schwer. Neue Perspektiven auf den eigenen Alltag können belastend sein. Unsicherheit und Angst sind keine schönen Gefühle. Es kann sein, dass du dich nach Austausch sehnst, nach anderen, die ähnliche Erfahrungen machen wie du, und die deine Anstrengungen werschätzen. Mach nicht den Fehler, diese Austauschpartner_innen bei deinen feministischen Freundinnen oder Bekannten weiblicher Sozialisierung zu suchen. Klar bieten die sich an, sehen die doch aus erster Hand, wie toll du seit neustem deine geschlechterinkludierende3 Sprache benutzt und wie vorbildlich du dich nun um den Abwasch nach dem Plenum kümmerst. Da können die ja auch ruhig mal ein bisschen dankbar reagieren und dich beglückwünschen, denkst du. Schließlich tust du das ja um ihretwillen, oder nicht?
Nein, nicht ganz. Antisexistisches Verhalten ist eine Selbstverständlichkeit, für die sich keine Feministin der Welt bedanken muss. Wieso soll ich dankbar dafür sein, dass du mir neuerdings nicht mehr ungefragt in die Nase kneifst, mir nicht mehr das Wort abschneidest, mir nicht mehr deinen dreckigen Teller zum spülen stehen lässt? Es ist fucking selbstverständlich, mich wie einen Menschen zu behandeln.
Also, sprich mit den anderen Jungs* über deine neuen Probleme. Gemeinsam könnt ihr Strategien entwickeln, wie ihr die Feministinnen um euch herum unterstützt, wie ihr sexistische Macker in eurer Umgebung platt macht, wie ihr in euren (heterosexuellen) Zweierbeziehungen darauf achten könnt, keine beschissenen Mechanismen aus den 1950er Jahren zu wiederholen und euch ab und zu gegenseitig auf die Schulter klopfen für die ganze Mühe, die ihr euch gebt.

Ich freue mich auf euch als feministische Verbündete.

  1. Personen, die auf diskriminierendes oder übergriffiges Verhalten achten und Ansprechpartner_innen sind. [zurück]
  2. Den Betroffenen die Schuld für eine Vergewaltigung geben (zB:“Du warst betrunken“,“Deine Kleidung war zu sexy.“,“Du hast doch schon vorher mit ihm Sex gehabt.“ usw.) [zurück]
  3. Sprache, die versucht, alle Geschlechter mitzudenken und einzuschließen. Auch bekannt als „gendern“. [zurück]

Herrmann Hermans wichtige Ansichten zu Film, Fernsehen und Theater

- Brüllende, kämpfende, prügelnde Männer sind langweilig.
- (Sexualisierte) Gewalt gegen Frauen ist ein abgelutschtes dramatisches Mittel und nervt.
- Eine Geschichte, die den Bechdel-Test nicht besteht, muss sich einer zehnmal kritischeren Betrachtung unterziehen als eine normale Geschichte.
- Rassistische Klischees und Statements sind inakzeptable Scheiße und diskreditieren den Film/das Stück/die Inszenierung als Ganzes.
- Geschichten, in denen als heilendes Element eine Romantische Zweierbeziehung steht, sind dumme Propaganda für den Rückzug ins Private (vgl. Biedermeier).
- Schwul, Schwarz und schlank sind keine Charaktereigenschaften.
- Biopics über (weiße, hetero, cis-)Männer und ihren harten Weg nach irgendwohin sind überflüssige Zeitverschwendung.
- Geschichten von Underdogs sind nicht automatisch gesellschaftlich sinnstiftend (vgl. Bushido, Zuckerberg)
- Wenn Menschen mit normgerechter Attraktivität in sexuellem Kontext gezeigt werden, muss sich der Film/die Inszenierung einer zehnmal kritischeren Betrachtung unterziehen als ein normaler Film/eine normale Inszenierung.
- Männer, die Filme über weibliche Prostitution/Sexarbeit/die Reeperbahn machen, müssen sich einer zehnmal kritischeren Betrachtung unterziehen als normale Männer.
- Figuren aus dem Arbeiter_innenmilieu oder dem Prekariat (zB Pförtner_innen, Kellner_innen, Obdachlose), die Figuren aus der Mittel- und Oberschicht weise Ratschläge erteilen oder ihnen vermitteln, wie glücklich sie mit ihrem simplen Leben sind, dienen dazu, soziale Unterschiede und Ungerechtigkeiten zu verschleiern.
- Hervorragende Beherrschung der Technik/ästhetischen Mittel machen niemals eine dumme/schlechte Geschichte wett. Sie sind auch keine Entschuldigung für eine faschistoide Grundaussage (vgl. Avatar).
- Bürgerliche Seelenpein ist in vielen Fällen ein nerviges Sujet.
- Für enttäuschende schauspielerische Leistung ist in vielen Fällen die Regie verantwortlich.
- Im Kino und im Theater dürfen die Konsument_innen Geräusche machen, zB lachen, wütend schnauben, husten, orrrr sagen, etc.
- Fehlende Inspiration ist keine Krise, die es wert ist, auf die Bühne/Leinwand gebracht zu werden.
- Expert_innenrunden, in denen mehr als 50% Männer sitzen, sind schwer ernst zu nehmen.
- Scripted Reality spiegelt nicht die Wirklichkeit wieder, sondern hilft der bürgerlichen Mittelschicht bei der emotionalen Abgrenzung von den niedrigeren Klassen/Milieus.

Kein Verständnis für Triebe / Männer sind auch nur Menschen // Woher kommt wohl die Valerie Solanas in mir?

Vorsichtige Triggerwarnung: Der Text thematisiert sexuelle Übergriffe.

Ich studiere an einer Theaterakademie. Neben meiner Akademie ist auch noch eine Filmakademie ansässig, und diese beiden Schulen kooperieren miteinander. In der kleinen Stadt, in der das stattfindet, ist es ganz normal, dass sich die Studierenden und Dozierenden beider Häuser untereinander kennen und in Projekten zusammenarbeiten.

Ich genieße in Zeiten des Sparwahns und der Bildungsmisere den Luxus, in einer Klasse mit zwei anderen Kommiliton_innen zu sitzen, manchmal haben wir in größeren Gruppen Unterricht, manchmal gibt es eine einzige Lehrerin nur für mich. Man kümmert sich um meine Ausbildung, darum, dass meine Interessen angesprochen und mein vorhandenes Wissen vertieft wird. Ich kann mich glücklich schätzen und wünschte, alle, die es wollten, könnten in ihrer Ausbildung eine ähnliche Betreuung erfahren wie ich.
Aber es ist nicht alles Gold und Zuckerwatte bei uns.
Schon in den ersten Tagen meines allerersten Schuljahres erfuhr ich im Flurfunk, dass der Direktor einer der Akademien dafür bekannt sei, in der örtlichen studentischen Kneipe abzuhängen und Studentinnen „abzuschleppen“. Es sei vorgekommen, dass Kommiliton_innen morgens auf der WG-Couch einen verkaterten Schulleiter vorgefunden hätten. Jede_r kennt irgendeine, die schonmal von ihm angegraben wurde. Der Direktor ist beliebt, ein Kumpeltyp, seine angeblichen Affären werden als „Eroberungen“ gesehen und über die nächtlichen Geschichten wird gelacht.
Die Gerüchte und Geschichten gehen weiter. Dozenten, die Studentinnen anmachen, vorzugsweise betrunken in der höchstfrequentierten Kneipe der Stadt. Dozenten, die die privaten Nummern von Studentinnen nutzen, um sie zu einer unangemessen späten Uhrzeit mit zweideutigen SMS zu belästigen. Dozenten, die Studentinnen im Einzelunterricht anmachen. Dozenten, die lachen und abwehren, wenn eine bei ihnen über ihre Probleme mit anderen Dozenten klagt.
Kommiliton_innen, die gerne tratschen, aber nicht reflektieren, was der Inhalt des Tratsches eigentlich bedeutet. Kommiliton_innen, die Beschwerden über Belästigungen abtun oder sogar der Betroffenen die Schuld dafür geben. Kommiliton_innen, die Betroffenen keinen Glauben schenken, weil sie die idealisierten, manchmal auch in der jeweiligen Branche bekannten und berühmten Dozierenden nicht verunglimpfen möchten.

Ich denke nicht, dass in unserer Stadt mehr Übergriffe durch Dozierende stattfinden, als an anderen Unis. Ich möchte auch Flirten nicht verteufeln, einvernehmliches schon gar nicht
. Aber ein paar Gedanken gehen mir nicht mehr aus dem Kopf:

Eine Studendtin, die am Abend vorher von ihrem Dozent mit sexuellen Avancen konfrontiert worden ist, verspürt möglicherweise gewisse Hemmungen, ihn am nächsten Tag ungezwungen auf dem Schulhof um Rat zu fragen. Eine Studentin, die erfahren hat, wie anderen Betroffenen nicht geglaubt wurde, verspürt möglicherweise gewisse Hemmungen, den selbst erlebten Übergriff öffentlich zu machen und anzuprangern. Eine Studentin, deren Dozent die Grenze zum privaten gegen ihren Willen überschritten hat, verspürt möglicherweise eine gewisse Hemmung, sich im Unterricht charismatisch hervorzutun oder den betreffenden Dozenten um Rat zu fragen.

Bei einer gestalterischen, künstlerischen oder kreativen Ausbildung stecken Leute ihr Herzblut in ihre Projekte. Es braucht Vertrauen zu den Dozierenden, um über die eigenen Arbeiten diskutieren zu können. Eine kleine Schule birgt meistens nicht die Möglichkeit, nach einer schlechten Erfahrung einfach an andere Dozierende heranzutreten, den_die Mentor_in zu wechseln, ein anderes Seminar zu belegen. Auch die gesetzliche Regelung, nach der Beziehungen zwischen Dozierenden und Studierenden nicht verboten sind, jedoch erfordern, dass zB der Dozent seine (auch ehemalige) Freundin nicht prüfen darf, sind schwer einzuhalten, falls überhaupt bekannt.
Ich denke schon lange über diesen Missstand nach und wälze in meinem Kopf Lösungsmöglichkeiten und Verzweiflung hin und her. Ich begreife oft nicht, wie es sein kann, dass die anderen diese Missstände nicht zu sehen scheinen. Wieso sie nicht wütend ihre Dozierenden anbrüllen, ihre Kommiliton_innen zurechtweisen, solidarisch füreinander einstehen, wenn einer was passiert.

Wenn dann in der offiziellen Eröffnungsfeier zum Schuljahresbeginnn zwei Stunden lang nur Männer auf der Bühne stehen, scheinbar wichtige Männer, die scheinbar berühmte andere Männer interviewen, die mit scheinbar befreundeten Männern in der ausschließlich männlichen Musikcombo spielen, die humorvoll aus der scheinbar männlichen Führungsriege der Akademie zusammengesetzt wurde; wenn ein Film gezeigt wird von einem männlichen Absolventen der Akademie, der von einem weißen Mann handelt, der in einer männlich besetzten Haute Cuisine Souschef ist und sich an seiner Vaterfigur respektive Küchenchef abarbeitet, um zum Schluss den männlichen Michelin-Kritiker zu beeindrucken, im Showdown die eigene Freundin mal eben im Kühlschrank einsperrt, woraufhin sie ihn verlässt und nie wieder thematisiert wird; wenn ein weißer, männlicher Kommilitone einen von der Akademie finanzierten Film drehen kann, der rassistisch, sexistisch und in plump väterlichem Tonfall den weißen Frauen die Welt herrklärt und dafür breites Lob entgegen nehmen darf; dann fällt es schwer, nicht jede Männlichkeit als Symbol und stellvertretend für die hegemoniale zu sehen, nicht an die patriarchale Großverschwörung zu glauben und nicht eine auf Valerie Solanas zu machen…

Viele persönliche Texte, Erfahrungsberichte und Informationen darüber, was passiert, wenn eine nach einem Übergriff an der Uni aktiv wird und sich wehrt, schreibt übrigens Lucrezia auf

Das Zitat im Titel stammt aus

von Respect My Fist, feat. Sookee.

Anarchie und Mohde – fashion forward!

Ich lese nicht mehr so gerne Zeitung wie früher. Die meisten Sachen, die mich interessieren, finde ich kaum repräsentiert und wenn, dann verzerrt und mit väterlich-wohlwollendem Tonfall oder als reine Konsumhandlung dargestellt. Ich liebe zum Beispiel Mode. Den Wirtschaftsteil hingegen überblättere ich. Ist auch lebensfern, immer das gleiche zu lesen, von selbsternannten Ökonom_innen, Finanzminister_innen, Entlassungen, Börsengängen, Sachzwang wohin das Auge sieht und There Is No Alternative zur güldenen Allprivatisierung. Mode hingegen –

Ich bitte darum, in diesem Artikel das Wort Mode nicht zu verwechseln mit der Praxis, den eigenen Körper nach ästhetischen Normen zu gestalten und zu formen um ihn als Aushängeschild für die eigene, normgerechte Sexualität zu benutzen.
Was wir tragen, verrät Anderen bewusst und unbewusst so einiges über unsere persönlichen Umstände: Geschlecht, Milieu, Bildungshintergrund, materieller Status und wie wir uns selbst sehen.

Mode wird propagiert als etwas Weibisches, Sinnloses, das zum Vergnügen derer dient, die es sich leisten können, sich mit Tausendeurofähnchen zum Affen und zur Äffin zu machen. Sich selbst albern ausstaffieren, um sexuell attraktiv für seriöse Partner_innen zu sein. Mode ist ein freiwilliges Hobby, und jene, die Mode produzieren sind meist schlaue Männer*, die aus dem Wunsch nach Angepasstheit und dem niederen Selbstwertgefühl vieler Frauen* Kapital zu schlagen wissen, sowie ein paar geschickte Frauen*, die ihr Steckenpferd zum Beruf gemacht haben. Mode nicht zu brauchen, nicht zu wollen scheint eine Autonomie vom gesellschaftlichen Zwang zur Äußerlichkeit zu bedeuten.

Aber diese Autonomie gibt es nicht. Die meisten von uns gehen regelmäßig aus ihren Zimmern, Wohnungen, Häusern nach draußen, auf die Straße, in die Welt, unter die Augen der anderen.
Dafür kleiden sie sich an, nicht zuletzt weil es in D-land verboten ist, sich splitternackt der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie öffnen ihren Kleiderschrank, die Sockenschublade oder einen großen Plastiksack, zerren ein paar Stücke heraus, die sie zu ihrem Tagesoutfit zusammenstellen. Die Ignorierer_innen der Mode ziehen sich wahllos an, doch befolgen sie dabei unbewusst zahlreiche Regeln: Häufig tragen sie nicht mehr als ein Paar Jeans auf einmal, meist zwei zueinander passende Schuhe, der Tampon kommt in die Vagina, nicht ins rechte Ohr und die Knopfleiste der Jacke zeigt nach vorn. Dazu gehören auch Hygienepraktiken und Körperschemata, die eingehalten werden.

Dabei ist Subversion in der Mode immer noch die leichteste Übung. Wer schonmal einen Tag lang mit einer Wäscheklammer in den Haaren herumgelaufen ist, kann sich vorstellen, dass amüsante Effekte, die wir auf unsere Mitmenschen erzielen, nicht von Geld und stundenlangem brüten über Modemagazinen und Ebay abhängig sind.

Den Feminismus zu reclaimen heißt auch, sogenannte Frauenbranchen und -tätigkeiten aufzuwerten und aus dem herablassenden Blick der seriösen Wirtschaftsseitenleser_innen zu befreien. Kostümbildner_innen, Schneider_innen, in der Modeindustrie beschäftigte Arbeiter_innen Ernst nehmen, gut bezahlen; auch die Mode anderer Menschen nicht abtun als oberflächliche Spielerei.
Oberflächlich ist, die Wertung der Mehrheitsgesellschaft zu übernehmen und die Gedanken und Philosophien um Kleidung abzuwerten und dabei Mode selbst nur über Konsum zu begehen und zu beurteilen.

Verkleiden, spielen, ausprobieren, sich selbst neue Identitäten überstülpen, Verwirrung stiften, Spaß haben und gesellschaftliche Freiheiten austesten und ausdehnen: Es ist leichter, schöner und wichtiger als angenommen. Ich träume davon, mal ein Jahr lang jeden Tag die selben Kleider zu tragen. Welche würden das sein? Rock oder Hose? Bunt oder Schwarz? Grau? Baumwolle, Kunstfaser, Papier oder Stacheldraht?
Ganz viele Handtaschen auf einmal umhängen. Zwei Schuhe mit verschieden hohen Absätzen tragen. Ein Plastikschwert mit sich führen. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Mein Schamhaar & Ich

Edit: Dieser Beitrag entstand als Antwort auf Antje Schrupps Text zu Intimrasuren und Schönheits-OPs an der Vulva und die interessanten Kommentare, die sich darunter einfanden. Ich hatte ein besseres Gefühl, meine Ansichten dazu auf meinem eigenen Blog zu wissen, wo ich auf sie aufpassen kann. Wer keine Lust auf Lesen hat, kann auch einfach dieses Video angucken:

Ich habe mich lange Jahre dem Großteil der Pflegemöglichkeiten für den weiblichen Körper hingegeben, und zwar bereits vor der Pubertät. Bis vor 2 Jahren hatte ich dementsprechend meine Scham-, Bein- und Achselhaare noch nie gesehen, bzw. nicht gesehen, wie sie eigentlich in voller Länge aussehen und wachsen. Das Gleiche gilt für die Augenbrauen.
Was als Experiment begann, nachdem ich eine charmante Frau mit reizender Vollbehaarung getroffen hatte, wurde zu einer Art trotzigem Bestehen auf dieses winzige Detail wider die Norm.
Was ist eigentlich so anders an (un-)behaarten Körperflächen?

Der optische Unterschied von rasierten zu unrasierten Beinen liegt vor allem darin, dass rasierte Beine meist viel Pflege in Form von Creme (zur Beruhigung der gereizten Haut nach der Rasur/dem Wachsen/Epilieren), manchmal auch Puder und speziellem Bein-Make-Up erfahren, weil der_die Träger_in Wert auf ein normiertes Erscheinungsbild der eigenen Beine legt. Wenige Frauen*, die die Beinrasur ablehnen oder nicht praktizieren (was nicht das Gleiche ist), laufen im Minirock oder kurzen Shorts umher und zeigen damit Unbekannten ihre Pflegegewohnheiten. Auch sind Beinrasierer_innen eher geneigt, ihre Prachtstücke zu bräunen, glätten, polieren, trainieren und anderweitig an ein mehrheitsgesellschaftliches Schönheitsempfinden anzugleichen. Ramponierte, narbige, faltige, furchige, schrammige, krumme, blasse Beine werden die genannten Eigenschaften nicht durch eine simple Rasur los. Und wem_welcher die schon zu aufwändig ist, der_die vertieft sich nicht noch in das weite Möglichkeitenspektrum der Beautybagage.

Den Unterschied, was die einfachere oder schwierigere Hygiene angeht, würde ich ähnlich auflösen. Es gibt Menschen, denen es nicht wichtig ist oder nicht auffällt, ob sie nach (altem) Schweiß riechen oder schmutzig sind. Es gibt viele Menschen, denen es wichtig ist, keine Körpergerüche in die Welt hinaus zu tragen. Ich vermute die Schnittmenge der ersteren mit den Beinrasierer_innen bei gegen null. Es gibt zahlreiche Nichtrasierer_innen, die sich täglich waschen/duschen, künstliche Düfte auftragen, ihre Haare kämmen und Ähnliches. Männer* taten dies Jahrzehntelang, ohne unter dem Verdacht der Unhygiene zu stehen.

Den Unterschied, den nur der Tastsinn ausmachen kann, ordne ich in meiner persönlichen Skala am höchsten ein. Ihn bekommen Leute zu spüren, die ich ganz nah an mich ranlasse, die mich berühren und von denen ich mir auch wünsche, berührt zu werden. Frisch rasierte Beine fühlen sich glatt an. Wenige Stunden oder Tage nach der Rasur sind sie stoppelig.
Achseln fühlen sich selten wirklich glatt an, weil die Haut dort meist faltig ist. Die besonders zarte Haut unter den Armen lässt sich am besten erfahren, wenn die Haare nicht (glatt) rasiert sind, höchstens gestutzt, da sie dann nicht gereizt und eventuell sogar entzündet ist.
Der Intimbereich wird von einer mehr oder weniger großen Haarfülle verdeckt und geschützt. Bei Oralsex kommt es bei nicht gestutztem oder rasiertem Haar häufig zu Haaren, die im Mund hängen bleiben. Möglicherweise fällt Manchen die Orientierung im Genitalbereich des_der Partner_in leichter, wenn sie genau vor sich sehen können, wo sie sich befinden. Auch kann ich mir vorstellen, dass die unrasierte, also behaarte Fläche gerne übersehen und somit auch übergangen wird. Bei einem sauberen Brazilian Cut hingegen kann jede Stelle zärtlich behandelt werden.

So komme ich zu dem unerwarteten Schluss, dass für mich die Rasur des Intimbereichs am meisten Sinn macht. Nur meiner_m Partner_in zuliebe würde ich die Schamhaare cunnilingustauglich machen.
Und warum nicht, wie Antje Schrupp es angibt, die nötigsten ästhetischen Normen erfüllen und eben alle paar Tage mit dem Rasierer einmal über den Körper und somit gesellschaftsfähig(er) werden?

Weil ich inzwischen froh bin, dass es äußerliche Merkmale gibt, die mich unverhohlen von den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, und die es mir, auch wenn ich mich an manchen Tagen noch so brav und klein und angepasst fühle, sehr schwer machen, tatsächlich dazu zu gehören. Als kleiner Reminder pieksen mich die komischen Blicke derer, die nicht meine Freund_innen sind, und sagen mir: Lass dich nicht einlullen. Es bringt nichts, dazu zu gehören.