Spätestens seit meinem Text zur Definitionsmacht der Betroffenen rückte sich ein Diskurs zurück in mein Blickfeld, den ich in dieser Form schon abgehakt und plattdekonstruiert geglaubt hatte. Es geht um den Begriff der Political Correctness (Ab hier der Kürze halber P.C. genannt).
Politisch korrekt wird meist in einem negativ-Satz benutzt: „Auch wenn das jetzt nicht P.C. ist, muss ich sagen, dass …“. Seltener (und meist mit nachsichtigem Schmunzeln) gilt die Anklage „Das war jetzt aber nicht P.C.!“ Diese Verwendungspraxis deutet schon das entscheidende Merkmal des P.C.-Kosmos an. Er wurde ursprünglich von jenen benannt und benutzt, die den Gedanken dahinter nicht teilen (wollen)1. P.C. ist alles, was gefühlt alle_mehrere gesellschaftlichen Gruppen mitdenkt, bewusst nicht rassistisch handelt_spricht, absichtlich Sexismus vorbeugt, usw. Gedacht werden anti-diskriminierende Praxen hierbei als starre Formeln, die befolgt werden müssen, um endlich das Elend aus der Welt zu schaffen. Eine künstliche Haut, die eine sich überstreift, und schwupps! ist sie P.C. und die Bäume hängen voller Trompeten2. Dass eine solch starre Verhaltensregel nicht in der Lage ist, Unterdrückungsverhältnisse aus der Welt zu schaffen, reflektiert die P.C.-Sprecher_in meist und tut diese Erkenntnis mit ihrem Durchbrechen der P.C.-Verhaltensregeln oder dem, was sie dafür hält, kund. Der P.C.-Kosmos beinhaltet nicht nur die Verhaltensregeln, sondern auch den Zwang, sie auch zu befolgen. Die P.C.-Kosmonaut_in widersetzt sich diesem gesellschaftlichen Zwang, indem sie sich der P.C.-Norm verweigert und den Kampf gegen die Unterdrückung Normaler Menschen Durch Übertriebene Verhaltensregeln3 aufnimmt. Dass sie dabei lediglich die bereits bestehenden Unterdrückungsverhältnisse festigt, übersieht sie großzügig. Das Wichtigste am P.C.-Kosmos sind für die Kosmonaut_in weder die Unterdrückungsverhältnisse, noch die daraus abgeleiteten Regeln, sondern einzig und allein der rebellische Sprechakt selbst. Ich bin mutig, denn ich sage meine Meinung, auch wenn sie nicht P.C. ist! Nicht-P.C.-sein kommt hier einer Marginalisierung4 gleich. Die eigene Nicht-Marginalisiertheit scheint unerträglich zu sein und dieser Mangel muss behoben werden. Zum Glück gibt es tapfere Verfechter_innen der bürgerlich-weiß-deutschen Sprechposition!5
Gleichzeitig wird durch den konstruierten P.C.-Kosmos eine gesellschaftliche Realität kritisiert, die gar keine ist. Keineswegs haben Feminist_innen, Antirassist_innen, Homos und Trans*, Schwarze, Arbeiter_innen, geistig oder körperlich Versehrte und andere marginalisierte Gruppen in Deutschland und im deutschsprachigen Diskurs irgendeine Deutungshoheit. Wir_sie6 besetzen mühselig erschaffene Nischenräume, im Mainstream7 erfüllen wir_sie hier und da eine Stellvertreter_innenposition (Sprich doch mal für deine Gruppe!), nicht ohne dabei sofort mit Anfeindungen und unkritischem unter-die-Gürtellinie-Geboxe beantwortet zu werden. Das wars. Dominanz und Hegemonie11 sehen anders aus.
Keineswegs ist es Praxis in der deutschen Medienlandschaft, dass Frauen* geglaubt wird, wenn sie Gewalt anzeigen wollen, dass rassistische Praxen (z.B. bei der Polizei) hinterfragt werden, dass Täter_innen und Verursacher_innen zur Verantwortung gezogen werden. Ihren Job verliert eine_r weder für offenen Rassismus (Sarkozy wurde nach seinen rassistisch-sozialchauvinistischen Aussagen sogar Präsident der Grande Republique) noch für unverhohlenen Sexismus (siehe: Alle Redaktionen deutscher Tageszeitungen jeden Tag. Ja, alle.). Standard ist, was die gemeine P.C.-Kosmonaut_in sowieso ausübt: Stumpfe Feindlichkeit, rassistischer Bodensatz, hanebüchene und oft biologistisch begründete Entschuldigungswellen für Täter_innen und immer wieder Victim Blaming.
Na herzlichen Glückwunsch, P.C.-Kosmonaut_in, da hast du dir ja nen mächtigen Feind ausgesucht! Hoch die Tassen! Auf in den Kampf gegen die Marginalisierten! Rein in den Fluss und gleich mit dem Strom treibengelassen! … und unterwegs noch ein paar solidarische Extrawellen für großdeutschen Widerstand eingesackt. Man darf doch den armen Mann nicht so fertig machen, er hat ja nur die Wahrheit gesagt!
Hier ist eine Bemerkung wichtig: Diskriminierung/Unterdrückungsmechanismen sind keine Bauchgefühle, die jede_r jederzeit und überall herumhantieren und für sich beanspruchen kann. Es handelt sich vielmehr um ein System, das von einer herrschenden Position auf die ihr untergeordneten Positionen wirkt. Nicht andersrum. Bums, aus.
Dem oft vorgebrachten Vorwurf: Die Armee der Politisch Korrekten zensiert die ungehobelte, frei gefühlte und von der Leber weg geredete Meinung begegne ich mit einem Satz: Zensieren kann nur der Staat sowie, falls vorhanden, das Medienmonopol.
Viele (unveröffentlichte) Antworten auf meinen DefMa-Text argumentierten auf ähnliche Weise. Der Autor konstruiert eine (feministische/weibliche) Übermacht, die ihm vorschreibt, wie er sich verhalten soll, nein: muss. Dass es diese Macht nicht gibt, übersieht er großzügig. Die Blogger_innen, Autor_innen, Partyveranstalter_innen, Antidiskriminierungsbeauftragten, Awareness-Teams und Speaker_innen, die herrschaftskritisch nach dem Ende der Dominanzgesellschaft streben, sind eine Feder im patriarchalen Wind der Geschichte8. Zumindest, wenn man, wie der geneigte Leser in privilegierter Position, sich die Räume freizügig aussuchen darf, in denen man verkehrt. (Das gilt in der Regel auch für die P.C.-Kosmonaut_in). Was passiert denn mit dem um seine Vorherrschaft besorgten Sexisten, wenn er wild um sich dominiert? Wird er geschubst? Wird er ausgebuht? Wird er vor Gericht gezerrt (was für mich als Ablehnerin rechtsstaatlicher Prinzipien nicht viel bedeutet, aber ein guter Gradmesser für gesellschaftliche Zustände ist)? Werden ihm die gesammelten Werke von Val Solanas vorgelesen, wird er mit Lippenstift beschmiert, wird er kastiert? Meiner Erfahrung nach: Nein. Die Feminist_innen haben nämlich außerhalb ihrer Räume keine Macht, die so groß ist, dass es wichtig wäre, sie anzugreifen. 9
Was nur sehr selten passiert, aber unvergleichlich wertvoll und wichtig ist: Solidarische Kritik. (Pro-)feministische Kritik am DefMa-Prinzip/an meinen Texten/an der Mädchenmannschaft. Ist viel schwieriger als antifeministische Anti-P.C.-Hetze. 10
- nicht umsonst nennt sich ein führender rechtsradikaler deutschsprachiger Blog „politically incorrect“. Doch der Diskurs ist im Mainstream drinnen und nicht alle, die mit P.C. argumentieren, sind Faschos. [zurück]
- bewusst bediene ich mich eines christlichen Sprachbildes, um den P.C.-Diskurs im christlich-bürgerlichen Milieu (mit)anzusiedeln. [zurück]
- U.N.M.D.Ü.V. [zurück]
- der Prozess oder Zustand, in dem Personengruppen an den Rand der jeweiligen Gesellschaft gedrängt/beherrscht/dominiert werden. [zurück]
- Silo Sarrazin, Günter Graus und fast alle Kolumnist_innen deutscher Tageszeitungen. [zurück]
- Zu manchen gehöre ich dazu, zu den meisten nicht. [zurück]
- in der breiten Masse. [zurück]
- dass das nicht so bleibt, daran arbeiten wir kräftig, hehe. [zurück]
- trotzdem passiert innerhalb ihrer_unserer Räume jede Menge trans*verachtender und rassistischer Scheiße. [zurück]
- Ich habe mich in diesem Absatz auf ein paar feministische Räume und Dinge bezogen, weil ich mich da gut genug auskenne, um Aussagen treffen zu können und um zu vermeiden, für (euch) andere zu sprechen. [zurück]
- sinngemäß: Übermacht. [zurück]
Alta! Wär mal cool wenn du ohne Geschwurbel zum Punkt kommst.
dann lies doch twitter! du unsachliche_r schreiberling!
mich stört ja schon der begriff der politischen korrektheit – geht es hier doch keineswegs darum, irgendwie korrekt in irgeneinem sinne zu sein, irgendeiner norm zu entsprechen. es geht darum empfindungen & gefühle anderer zu respektieren (zB nicht das n-wort sagen) und nicht irgendwelche zerrbilder der realität in der sprache leben zu lassen (zB nicht von „ausländern“ reden, weil es die so gar nicht gibt), und und und. das hat nichts mit korrektheit zu tun, sondern meist v.a. mit respekt!
Zitat Rockefeller zum Feminismus:
“Der Feminismus ist unsere Erfindung aus zwei Gründen. Vorher zahlte nur die Hälfte der Bevölkerung Steuern, jetzt fast alle weil die Frauen arbeiten gehen. Ausserdem wurde damit die Familie zerstört und wir haben dadurch die Macht über die Kinder erhalten. Sie sind unter unserer Kontrolle mit unseren Medien und bekommen unserer Botschaft eingetrichtert, stehen nicht mehr unter dem Einfluss der intakten Familie. In dem wir die Frauen gegen die Männer aufhetzen und die Partnerschaft und die Gemeinschaft der Familie zerstören, haben wir eine kaputte Gesellschaft aus Egoisten geschaffen, die arbeiten (für die angebliche Karriere), konsumieren (Mode, Schönheit, Marken), dadurch unsere Sklaven sind und es dann auch noch gut finden.”
Habt ihr ganz toll gemacht!!! Ihr seid nützliche Idiotinnen für die Bonzen da oben.
Anstatt euren wirklichen Feind bekämpft ihr den normalen Durchschnittsmann.
Ach ja?