Die Fratze Fremdheit

Ich trage eine hässliche Gummimaske vor dem Gesicht und laufe ein paar Stunden lang durch Kairo.
Es ist mein letzter Tag, einen Monat lang bin ich alleine durch Ägypten gereist. Das war vor zwei Jahren, ich studierte Islamwissenschaft, lernte Arabisch und hielt es für eine prima Idee, endlich auch mal in den Nahen Osten zu fahren. Ich hatte bis dato Europa nie verlassen und diese Reise hat mich nachhaltig geprägt.
All meine wunderschönen, nachdenklichmachenden, überraschenden, verrückten, lehrreichen, peinlichen, unerwarteten, traurigen Erlebnisse werden in meiner Erinnerung überschattet von ihnen: Den Männern. Es sind nicht alle Männer, natürlich nicht. Die Stillen, Höflichen, Respektvollen, Distanzierten übertönen niemals die Lauten. Das ist überall so. Aber jene Männer haben mich einen Monat lang Tag für Tag einer großen Verzweiflung über meine geschlechtliche Identität nähergebracht. Vielleicht, weil ich alleine war, vielleicht, weil ich mich manchmal sowieso einsam und hilflos gefühlt hätte, vielleicht, weil ich kurze Haare trug, vielleicht weil ich, zu Anfang, ein freundliches Gesicht machte, vielleicht, weil ich ständig zu Fuß unterwegs war, vielleicht, weil ich zu empfindlich bin, vielleicht, weil ich keine Lust hatte, mich mit den anderen weißen Backpacker_innen anzufreunden und über unsere Erlebnisse zu protzen, vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Nichts, was ich an mir, meiner Kleidung oder meinem Verhalten änderte ließ die Belästigungen aufhören, die Berührungen, die Verfolgungen, die Anmachen, die Bedrohungen. Auch ägyptische Frauen mit umfassendem Schleier sind ihnen ausgesetzt.
An meinem letzten Tag, an dem ich über einen riesigen Markt/Basar wanderte und meine Augen kaum alles Unbekannte aufnehmen konnten, was sie sahen, kam plötzlich ein Mann auf mich zu, grinste mich an und griff mir in den Schritt. Ich schrie auf, rief ihm wütend auf Englisch hinterher und als niemand um mich herum sich für den Vorfall zu interessieren schien, wusste ich nicht mehr weiter. In tausend wirre Gedanken und Gefühle verstrickt wanderte ich vor mich hin, durch die Menschenmenge und entdeckte plötzlich an einem Stand ein paar gruselige Gummimasken. Es waren fiese, bunte Horrorfratzen. Ohne nachzudenken suchte ich mir die „schönste“ aus, kaufte sie und setzte sie auf und alles schien sich zu verändern -
Ich bin das Fremde. Ich bin verschleiert. Ich bin noch immer eine Frau, aber die Anzüglichkeiten, die man mir hinterherruft sind unsicher und ein bisschen ängstlich und es sind nur noch ganz wenige.
Als ich in die U-Bahnstation hinabsteige, bildet sich um mich eine Menschentraube. Ein Aufruhr. Ich kann durch meine Maske wenig erkennen. Die allgegenwärtigen Bullen sind aufmerksam geworden. Ich soll die Maske abnehmen. Erst reagiere ich nicht, versuche meinen Weg zum U-Bahngleis fortzusetzen. Sage Floskeln auf Englisch. Offenbar kommt was ich sage nur sehr gedämpft außerhalb der Maske an, die Securities und Schaulustigen verstehen mich nicht. Eine Frau redet auf mich ein. Ich zeige auf ihr Kopftuch, zittere innerlich, weil ich mir unsicher bin, ob ich jetzt eine Riesenprovokation formuliere und sage auf Englisch: „Women are veiled. It´s all the same./Frauen verschleiern sich. Es ist alles das Gleiche.“ Sie verstehen mich nicht, vielleicht ist der Vergleich zwischen Monstermaske und religiösem Schleier völlig unzusammenhängend, wenn man mit dem omnipräsenten Hijab aufgewachsen ist. Ich sage auf Arabisch, das einzige, was mir zur Erklärung einfällt: „Ana fanana./Ich bin Künstlerin.“ Eigentlich will ich sagen: „Regt euch ab, Leute, das ist nur ein Scherz. Es war ein spontaner Einfall, ein Experiment, ich will doch nur von den Männern in Ruhe gelassen werden. Macht euch keine Sorgen. Bitte.“ Aber ich weiß nicht wie, und meine zwei Wörter werden von der Frau lautstark an die Menge weitergegeben. Alle lachen erleichtert auf und gehen ihrer Wege. Die Reaktion des Publikums beruhigt auch die zwei grimmigen Bullen und ich darf in die U-Bahn steigen. Natürlich steige ich ins Frauenabteil, dort fragen mich ein paar Frauen, was das soll, mit der Maske. Sie fragen auf Arabisch, sagen, ich könne die Maske doch abnehmen, hier seien nur Frauen. Sie wiederum scheinen meine Fratze als Schleier aufzufassen. Ich sage nochmal, „Ana Fanana“ und „Ana Mumathila“, als mir das Wort für Schauspielerin einfällt. Ob ich die Maske in der Bahn dann abgenommen habe, weiß ich nicht mehr, ich war so aufgeregt und aufgewühlt von den Ereignissen.
Es ist heiß und stickig unter der Maske, aber zum ersten Mal seit vielen Tagen fühle ich mich so frei, dass ich über alles, was mir passiert ist, loslachen kann.

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Für mich selbst einordnen kann ich die Sache mit der Maske noch immer nicht. Ist es eine Performance im öffentlichen Raum, und wenn ja, wem nützte sie, außer mir selbst? Welches Recht hatte ich, einfach mal eben nach Ägypten zu fahren und dort, entgegen der Gepflogenheiten, überall alleine rumzustreunen und dann auch noch die Ägypter_innen selbst mit so einer Aktion aufs Korn zu nehmen? Wenn ich in Deutschland keinerlei Skrupel hätte, mit einer Gruselmaske draußen rumzulaufen, wieso fühlt es sich dann in Ägypten verboten an? War es eine gute Taktik, das übergriffige Verhalten der Männer zu spiegeln? Hätte ich die „Performance“ besser vorbereiten sollen, um ggfs. Zuschauer_innen, die Fragen haben, auf Arabisch antworten zu können? Welches Recht aber hätte ich, ins Ausland zu fahren und den Bewohner_innen dieses Auslands etwas über ihre Probleme mit Sexismus und Gewalt zu erklären? Fragen über Fragen. Ich freue mich über eure Antworten, Bemerkungen, kritische Gedanken.


5 Antworten auf „Die Fratze Fremdheit“


  1. 1 @Yaneaffar 23. November 2011 um 14:41 Uhr

    „Für mich selbst einordnen kann ich die Sache mit der Maske noch immer nicht. Ist es eine Performance im öffentlichen Raum, und wenn ja, wem nützte sie, außer mir selbst?“

    Ich würde sagen, eine Performance war es definitiv, der geschilderte Effekt der Verhaltensveränderung ist, denke ich maßgeblich. Ganz klar ist mir allerdings nicht, wie du Performance definieren würdest.
    Der Nutzen, würde ich sagen, war gegeben durch die Verunsicherung von (Geschlechter-?)Kategorien bei den Männern (in der Zurückhaltung gespiegelt), wobei der Effekt eines Einzelerlebnisses auf hegemoniale Denke wohl nicht besonders groß ist – aber vielleicht isses n Anfang.
    Ab dem Zeitpunkt, wo du dich allerdings wieder als „europäische Künstlerin“ normalisiert hast, war der Effekt ausgelöscht. Künstler_Innen tun komische Dinge, verhalten sich also auch dann normal. Dieser Stereotyp dürfte zumindest genug Zeit gehabt haben, nach Ägypten überzuschwappen.

    „Welches Recht hatte ich, einfach mal eben nach Ägypten zu fahren und dort, entgegen der Gepflogenheiten, überall alleine rumzustreunen und dann auch noch die Ägypter_innen selbst mit so einer Aktion aufs Korn zu nehmen?“

    Ziel der Aktion waren wohl weniger die Ägypter_innen als der Selbstschutz. Definitiv legitim, wie ich finde.
    Die Frage ob du gegen fremde Gepflogenheiten verstoßen darfst: More tricky. Ich würde sagen, wo es sich vermeiden lässt, eher nicht, wo dir selbst Nachteile aus diesen erwachsen, eine Frage dessen wieviel du aushältst oder aushalten willst.

    „Wenn ich in Deutschland keinerlei Skrupel hätte, mit einer Gruselmaske draußen rumzulaufen, wieso fühlt es sich dann in Ägypten verboten an?“

    In Deutschland weißt du, dass du eher als harmlos und lustig eingeordnet wirst, in Ägypten kennst du oder gibt es kein klares Einordnungsmuster. Erst als du ein importiertes Muster geliefert hast, warst du keine völlige Abweichung mehr. Und Abweichung wird überall sanktioniert, weibliche Abweichung, wo der Hijab ähnlich macht, vermutlich noch etwas stärker.

    „War es eine gute Taktik, das übergriffige Verhalten der Männer zu spiegeln?“

    Hast du in meinen Augen nicht gemacht, sondern nur weitere Übergriffe verhindert.

    „Hätte ich die „Performance“ besser vorbereiten sollen, um ggfs. Zuschauer_innen, die Fragen haben, auf Arabisch antworten zu können?“

    Hätte, könnte, würde… ;)
    Falls du dich dazu entschließt, sie zu wiederholen, wäre das vielleicht ne gute Idee, allerdings nimmt die Kontextualisierung auch immer ein bisschen Sprengkraft aus der Performance. Also so ungefähr die Wahl zwischen Punk und Aufklärungsarbeit.

    „Welches Recht aber hätte ich, ins Ausland zu fahren und den Bewohner_innen dieses Auslands etwas über ihre Probleme mit Sexismus und Gewalt zu erklären?“

    Erklären? Keins. Unterstützen lokaler Feminist_Innen ist aber legitim, wenn gewünscht. Die wissen das vermutlich eh alle besser als ich, aber wenn ich dich bei ethischen Einordnungsversuchen in Privilegiensituation weiterbringen konnte, reicht das vermutlich.

  2. 2 Milka 23. November 2011 um 21:32 Uhr

    Eine hässliche Gummimaske wäre beinah eine wunderbare Umschreibung von dem, was sich immer mehr auf meinem Gesicht, nach nur 10 Wochen Kairo bildet. Ich verstecke mich zunehmens hinter einer eiskalten Hülle, die versucht unantastbar und unnahbar zu wirken, um im Wahrsten Sinne auch unantastbar zu sein. Bloß nicht natürlich schauen, niemanden ansehen und nicht lächeln. Möglichst gefasst, stark und selbstsicher wirken um nicht belästigt zu werden und wenn frau das nicht ist, bleibt als einzige Alternative: Zuhaus bleiben.
    Was auf Kairos Straßen passiert ist als Frau* oft unertragbar.
    Die Belästigung und die Gewalt der Männer* macht keinen Unterschied zwischen Alter, Verschleierung oder nicht, „Schönheit“, Ausländerinnen usw. Meiner Meinung nach wird Belästigung in Ägypten als Mittel eingesetzt um Frauen* zu zeigen eine Grenze der zugeschriebenen Geschlechterrolle überschritten zu haben. Die Grenze legen die Männer* fest und wird meist schon durch das übertreten der eigenen Türschwelle verletzt, da die Straßen/das Öffentliche Leben in Ägypten noch immer bzw. immer mehr männlich dominiert sind.
    Was spricht außerdem dagegen, etwas gegen sexuelle Belästigung und Sexismus zu tun und somit das Thema zu enttabuisieren? Unabhängig Von Nation, Kultur, Religion und so Zeugs sind von Sexismus weltweit Frauen betroffen… Sexismus ist schließlich ein strukturelles Problem und keine Erscheinung einer bestimmten Kultur. Daher wäre es doch eher eine Art von „positivem Rassismus“ sich gegen Sexismus nicht zu wehren und dagegen zu kämpfen, nur weil mensch sich in einer anderen Kultur befindet.
    Und die Aktionform einer Gummimaske…nunja. Ich persönlich würds aus Feigheit nicht machen, finds aber klasse. Es ist ne Aktionsform. Es ist deine Aktionsform…warum nicht? Allemal besser als nix zu tun.

  3. 3 Sammelmappe 02. Dezember 2011 um 5:20 Uhr

    Ich würde das ganze als eine „Erste-Hilfe-Performance“ betrachten. Es ist schließlich etwas passiert. Jemand hat dich verletzt und die Maske war die erste Hilfe Maßnahme um zu verhindern, dass die Verletzung außer Kontrolle gerät.

    Das ist dir ja auch gelungen.

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Sexistisch in den Advent und anderes Erhellendes in der Blogschau Pingback am 26. November 2011 um 10:02 Uhr
  2. 2 Problemquelle Männer | Louisa in Cairo Pingback am 11. Dezember 2011 um 7:35 Uhr

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