Vorsichtige Triggerwarnung: Der Text thematisiert sexuelle Übergriffe.
Ich studiere an einer Theaterakademie. Neben meiner Akademie ist auch noch eine Filmakademie ansässig, und diese beiden Schulen kooperieren miteinander. In der kleinen Stadt, in der das stattfindet, ist es ganz normal, dass sich die Studierenden und Dozierenden beider Häuser untereinander kennen und in Projekten zusammenarbeiten.
Ich genieße in Zeiten des Sparwahns und der Bildungsmisere den Luxus, in einer Klasse mit zwei anderen Kommiliton_innen zu sitzen, manchmal haben wir in größeren Gruppen Unterricht, manchmal gibt es eine einzige Lehrerin nur für mich. Man kümmert sich um meine Ausbildung, darum, dass meine Interessen angesprochen und mein vorhandenes Wissen vertieft wird. Ich kann mich glücklich schätzen und wünschte, alle, die es wollten, könnten in ihrer Ausbildung eine ähnliche Betreuung erfahren wie ich.
Aber es ist nicht alles Gold und Zuckerwatte bei uns.
Schon in den ersten Tagen meines allerersten Schuljahres erfuhr ich im Flurfunk, dass der Direktor einer der Akademien dafür bekannt sei, in der örtlichen studentischen Kneipe abzuhängen und Studentinnen „abzuschleppen“. Es sei vorgekommen, dass Kommiliton_innen morgens auf der WG-Couch einen verkaterten Schulleiter vorgefunden hätten. Jede_r kennt irgendeine, die schonmal von ihm angegraben wurde. Der Direktor ist beliebt, ein Kumpeltyp, seine angeblichen Affären werden als „Eroberungen“ gesehen und über die nächtlichen Geschichten wird gelacht.
Die Gerüchte und Geschichten gehen weiter. Dozenten, die Studentinnen anmachen, vorzugsweise betrunken in der höchstfrequentierten Kneipe der Stadt. Dozenten, die die privaten Nummern von Studentinnen nutzen, um sie zu einer unangemessen späten Uhrzeit mit zweideutigen SMS zu belästigen. Dozenten, die Studentinnen im Einzelunterricht anmachen. Dozenten, die lachen und abwehren, wenn eine bei ihnen über ihre Probleme mit anderen Dozenten klagt.
Kommiliton_innen, die gerne tratschen, aber nicht reflektieren, was der Inhalt des Tratsches eigentlich bedeutet. Kommiliton_innen, die Beschwerden über Belästigungen abtun oder sogar der Betroffenen die Schuld dafür geben. Kommiliton_innen, die Betroffenen keinen Glauben schenken, weil sie die idealisierten, manchmal auch in der jeweiligen Branche bekannten und berühmten Dozierenden nicht verunglimpfen möchten.
Ich denke nicht, dass in unserer Stadt mehr Übergriffe durch Dozierende stattfinden, als an anderen Unis. Ich möchte auch Flirten nicht verteufeln, einvernehmliches schon gar nicht. Aber ein paar Gedanken gehen mir nicht mehr aus dem Kopf:
Eine Studendtin, die am Abend vorher von ihrem Dozent mit sexuellen Avancen konfrontiert worden ist, verspürt möglicherweise gewisse Hemmungen, ihn am nächsten Tag ungezwungen auf dem Schulhof um Rat zu fragen. Eine Studentin, die erfahren hat, wie anderen Betroffenen nicht geglaubt wurde, verspürt möglicherweise gewisse Hemmungen, den selbst erlebten Übergriff öffentlich zu machen und anzuprangern. Eine Studentin, deren Dozent die Grenze zum privaten gegen ihren Willen überschritten hat, verspürt möglicherweise eine gewisse Hemmung, sich im Unterricht charismatisch hervorzutun oder den betreffenden Dozenten um Rat zu fragen.
Bei einer gestalterischen, künstlerischen oder kreativen Ausbildung stecken Leute ihr Herzblut in ihre Projekte. Es braucht Vertrauen zu den Dozierenden, um über die eigenen Arbeiten diskutieren zu können. Eine kleine Schule birgt meistens nicht die Möglichkeit, nach einer schlechten Erfahrung einfach an andere Dozierende heranzutreten, den_die Mentor_in zu wechseln, ein anderes Seminar zu belegen. Auch die gesetzliche Regelung, nach der Beziehungen zwischen Dozierenden und Studierenden nicht verboten sind, jedoch erfordern, dass zB der Dozent seine (auch ehemalige) Freundin nicht prüfen darf, sind schwer einzuhalten, falls überhaupt bekannt.
Ich denke schon lange über diesen Missstand nach und wälze in meinem Kopf Lösungsmöglichkeiten und Verzweiflung hin und her. Ich begreife oft nicht, wie es sein kann, dass die anderen diese Missstände nicht zu sehen scheinen. Wieso sie nicht wütend ihre Dozierenden anbrüllen, ihre Kommiliton_innen zurechtweisen, solidarisch füreinander einstehen, wenn einer was passiert.
Wenn dann in der offiziellen Eröffnungsfeier zum Schuljahresbeginnn zwei Stunden lang nur Männer auf der Bühne stehen, scheinbar wichtige Männer, die scheinbar berühmte andere Männer interviewen, die mit scheinbar befreundeten Männern in der ausschließlich männlichen Musikcombo spielen, die humorvoll aus der scheinbar männlichen Führungsriege der Akademie zusammengesetzt wurde; wenn ein Film gezeigt wird von einem männlichen Absolventen der Akademie, der von einem weißen Mann handelt, der in einer männlich besetzten Haute Cuisine Souschef ist und sich an seiner Vaterfigur respektive Küchenchef abarbeitet, um zum Schluss den männlichen Michelin-Kritiker zu beeindrucken, im Showdown die eigene Freundin mal eben im Kühlschrank einsperrt, woraufhin sie ihn verlässt und nie wieder thematisiert wird; wenn ein weißer, männlicher Kommilitone einen von der Akademie finanzierten Film drehen kann, der rassistisch, sexistisch und in plump väterlichem Tonfall den weißen Frauen die Welt herrklärt und dafür breites Lob entgegen nehmen darf; dann fällt es schwer, nicht jede Männlichkeit als Symbol und stellvertretend für die hegemoniale zu sehen, nicht an die patriarchale Großverschwörung zu glauben und nicht eine auf Valerie Solanas zu machen…
Viele persönliche Texte, Erfahrungsberichte und Informationen darüber, was passiert, wenn eine nach einem Übergriff an der Uni aktiv wird und sich wehrt, schreibt übrigens Lucrezia auf
Die Stimme des Opfers
Das Zitat im Titel stammt aus
diesem wütenden Liedchen
von Respect My Fist, feat. Sookee.
Sehr guter Artikel! Wird Zeit, dass diese „blinden Flecken“ endlich in der Öffentlichkeit enttabuisiert werden.
Und ich würde es mir wünschen, dass Menschen, die diese Missstände anprangern, nicht länger als „hysterisch“ oder sonstwas abgestempelt, sondern endlich ernstgenommen werden.
Ich kämpfe seit 4 Jahren nach dem OEG für mich.Vieles darf ich im Moment leider nicht schreiben,da schwebendes Verfahren.
Ich leite eine Gruppe auf netzwerkB ( Sammelklage )
Weiteres nachzulesen auf meinen Blogs.
Mein Aufruf : Beteiligen Sie sich an der Sammelklage gegen den deutschen Staat.
Wir haben Anwälte und bezahlt wird aus Spenden.Liebe Grüße Sophie ( Liza Stein )