Am 31. Mai hielt Dr. Heinz-Jürgen Voss einen Vortrag über Hermaphroditismus und dessen Bedeutung in Gesellschaft und Medizin im DemoZ Ludwigsburg mit dem Titel: Kein Geschlecht oder viele – warum es biologisch Mann und Frau nicht gibt.
In dem ca. dreistündigen Vortrag führte Voss, promoviert in Biologie, über einen historischen Abriss der Intersexualität in der Rechtssprechung an die aktuelle medizinische Praxis heran.
Ich gebe hier einen Überblick der Inhalte, die ich besonders wichtig fand und bemühe mich, ihre Bedeutung aufzuzeigen – wer tiefer einsteigen mag, ist mit der Dissertation „Making Sex Revisited
Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ sowie der Homepage von Heinz-Jürgen Voss gut beraten, wo sich auch Hinweise auf weitere Publikationen finden.
Die Zweigeschlechtlichkeit ist sozial hergestellt und wird nicht nur von den überall sichtbaren Verhaltensweisen (Puppen vs. Legosteine) und der Kodierung über Aussehen und Kleidung reproduziert. Lassen sich intersexuelle Menschen körperlich nicht in eines der beiden denkbaren Geschlechter1 einordnen, so findet die Gesellschaft Wege und Maßnahmen, ihr binäres Konzept aufrecht zu erhalten.
Die juristische Einordnung intersexueller Menschen wandelt sich, betrachten wir unterschiedliche Zeitalter und Kulturen. War es beispielsweise nach dem Preußischen Allgemeinen Landrecht im Jahr 1794 einem „Zwitter“ ab dem 18. Lebensjahr noch zugestanden, sich für eine männliche oder eine weibliche Identität zu entscheiden, wurde diese Entscheidung ab 1900 nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch anhand seiner_ihrer geschlechtlichen Merkmale von außen vorgenommen, also fremdbestimmt getroffen. 2
Eine äußerst gewaltvolle Maßnahme um die Zweigeschlechtlichkeit aufrecht zu erhalten betrifft viele Menschen, die als Intersexuelle geboren werden. Das bedeutet, Geschlechtsmerkmale sind bei der Geburt nicht eindeutig bzw. nicht eindeutig genug feststellbar. Die unsicheren Eltern werden von einem Ärzt_innenteam überzeugt, an ihrem Kind vereindeutigende Operationen durchzuführen. So wird z.B. eine Vagina künstlich hergestellt, die regelmäßig von Eltern oder Ärzt_innen geweitet werden muss; es bleibt nicht bei einer kleinen Operation, sondern die Kinder sind oft jahrelang immer neuen Behandlungen an ihren Genitalien ausgesetzt, obwohl ihre Intersexualtität ihre Lebensfähigkeit in der Regel nicht beeinträchtigt und sie gesund aufwachsen könnten. Allein diese praktizierte Gewalt, die etwa 2-4% der geborenen Kinder betrifft, sollte Argument genug sein, das herrschende System der Binarität der Geschlechter in unserer Gesellschaft endlich, endlich platt zu machen. Aber die Normierung geht tiefer. Bis in unsere kleinsten, molekularen Bestandteile wirken die gesellschaftlichen Strukturen auf uns und unsere Körper fort.
Der Referent Voss tauchte im Votrag in die Genetik ein und machte an anschaulichen Beispielen und komplizierten Schautafeln verschiedene Aspekte der Subjektivität unserer scheinbar neutraler Wissenschaft deutlich.
So müssen Wissenschaftler_innen, um mit ihrer Forschung gefördert zu werden, signifikante Ergebnisse erzielen. Signifikanz bedeutet in diesem Zusammenhang allerdings nur, dass die Möglichkeit besteht, dass gemessene Unterschiede nicht auf den Zufall zurückzuführen sind, sondern ggfs. eine Bedeutung für den Forschungsgegenstand besitzen. Über den Grad der Unterschiede ist mit dem Wörtchen signifikant also noch keine Aussage getroffen worden, ebensowenig über den tatsächlichen, kausalen Zusammenhang; dieser wird erstmal nur statistisch hergestellt.
Wenn also ein_e Wissenschaftler_in über die Unterschiede zwischen Mann und Frau forscht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er_sie tatsächlich Unterschiede finden will/muss und diese dann auch in signifikanter Form findet. Hier treffen bereits zwei die wissenschaftliche Neutralität verwischende Elemente aufeinander. Hinzu kommen eine jahrzehntelange heterosexuell-männlich praktizierte Naturwissenschaft, die männlich zentriert arbeitete und so erwartungsgemäß vielen Aspekten gerade in der Fortpflanzungs- und Geschlechterforschung ignorant gegenüberstand (und immernoch steht).
Der nicht-Neutralität kann noch eine weitere Ebene hinzugefügt werden: Die Versuchsgruppen einer vielzitierten Studie über die Aktivität der Gehirnhälften bei Männern und Frauen bestanden aus jeweils 19 Proband_innen. Getestet wurde lediglich das Wiedererkennen von Reimen, die ein Aspekt von Sprache und Sprachgebrauch sind, aber nicht für die gesamte Sprachkompetenz eines Menschen gelten können. Elf der 19 Frauen wiesen eine von der der Männer abweichende Gehirnaktivität auf. Diese mit ganzen 38 Proband_innen durchgeführte Studie diente und dient in zahlreichen Veröffentlichungen als Beleg für die verschiedensten Stereotypen der geschlechtlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen.
Auf der Ebene der genetischen Veranlagung und deren jeweiliger Ausprägung wies Voss ausführlich nach, wie viele der als bewiesen geltenden Tatsachen über die Entstehung von Geschlecht in der Fortpflanzung auf Annahmen, Vermutungen und Theorien fußen.
Selbst bei Menschen, deren Äußeres eindeutig für eines der beiden Geschlechter spricht, gibt es oft Abweichungen von einer übergreifenden Norm. Wer von uns kennt schon den eigenen Chromosomensatz? Denn nicht alle Männer sind XY und nicht alle Frauen XX. Meistens betrachten wir unsere Gegenüber auch nicht bis auf die Genitalien, um herauszufinden, ob deren Klitoris oder Hodensack den Lehrbuchschemata entsprechen; wer untenrum irgendwie anders aussieht, traut sich tendenziell weniger, sich in der Sauna sichtbar auszustrecken.
Hier verweise ich auf Voss‘ Publikationen, die z.T. auch online einsichtig sind, da ich es bei diesem Thema für wichtig halte, ausführlich und genau zu schreiben und dafür reichen dieser Blog und meine naturwissenschaftliche Bildung nicht aus.
Trotz der für Laien komplizierten Thematik bleibt ein großes Misstrauen gegenüber der derzeit praktizierten Forschung, die im Mainstream keine Abweichungen von der Vorstellung genetisch vorbestimmter Männlichkeit und Weiblichkeit zulässt und die häufig nach ökonomischen und normativen Vorgaben arbeitet.
In einer Gesellschaft, in der der unvoreingenommenen Wissenschaft großes Vertrauen entgegengebracht wird und in der nach einer endgültigen, einfachen Wahrheit gesucht wird, ist es gerade nötig, aufzuzeigen, dass es kaum möglich ist, unvoreingenommen, neutral und nur am Wohle der Menschheit interessiert zu forschen. Im Bereich der Intersexualität scheint die Medizin nicht an der Heilung des einzelnen Menschen interessiert zu sein, sondern gegen diese und erhält gesellschaftliche Normen aufrecht.
Vielen Dank also an Heinz-Jürgen Voss und die Veranstalter_innen des Vortrags, der übrigens der Auftakt zu einer kleinen, aber feinen Reihe namens „Geschlecht – Gender – Sex“ im DemoZ ist, die kommenden Termine sind
Donnerstag, 16. Juni 2011 : Vernissage einer Fotoausstellung von Iris Hellriegel und der Film „Das verordnete Geschlecht“ (20:00 Uhr / Eintritt frei)
sowie
Donnerstag, 7. Juli 2011 : Vortrag „Kopftücher, Homophobie und deutsche Leitkultur – über die Verflechtung von (antimuslimischem) Rassismus und Heteronormativität“ mit Dr. Urmila Goel (19:30 Uhr / 3 bzw. 4 Euro)
Weitere Informationen gibt es im DemoZ-Programm.
Außerdem noch die Literaturempfehlungen von Heinz-Jürgen Voss:
1-0-1 [one ‚o one] intersex – Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung. Berlin, 2005.
Dreger, A.D. (2003, Erstauflage 1998): Hermaphrodites and the Medical Intervention of Sex. Harvard.
Fausto-Sterling, A. (2000): Sexing the Body – Gender Politics and the Construction of Sexuality. New York.
Hirschauer, S. (1994): Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46 (4): S.668-692.
Voß, H.-J. (2010): Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biolologisch-medizinischer Perspektive. Transcript Verlag, Bielefeld.
- Ich verzichte in diesem Text auf den Vorsatz „sogenannt/e“vor Wörtern wie Geschlecht, Männer, Frauen, etc, die Leser_innen dürfen sich diesen gerne dazudenken [zurück]
- Sofern keine Quelle angegeben ist, beziehe ich mich auf Voss‘ Vortrag [zurück]
Der normierende Zwang zum Geschlecht und sich gefälligst darunter zu ordnen ist grauenvoll.
Die meisten interessiert das nicht, weil sie es für normal halten oder keinerlei Probleme mit kulturellen Zwangsmaßnahmen haben.
Aber weh du bist Trans*, Inter* dann weißt du was dir blüht, die Härte des Gesetzes und der Medizin.
Und wenn dein Chromsosomensatz ein bisschen abweicht wie bei Turner- odet Klinefelter-Syndrom (die unsinnigerweise Intersex zugeordnet werden) darfst du dann auch die Gnade der Ärzte erfahren, mit allen erniedrigenden und respektlosen Behandlungen und Vorurteilen, mit denen leider auch Eltern geipmpft werden, und deren Kinder dann nicht mehr als Menschen gesehen werden sondern als defektes Krankengut.
klasse ! jahrzehntelange (negative andauernde erfahrungen ebendamit) und heftiges nicken meinerseits
btw bei vimeo hats ein video mit einem vortrag von ihm (isses derselbe vortrag ?)
„Zur gesellschaftlichen Konstruktion von biologischem Geschlecht – Heinz-Jürgen Voß
by Schwulenreferat Gießen “ :
http://vimeo.com/20880395
@Angelika das ist, beim schnellen drübergucken, auf jedenfall ein ähnlicher Vortrag – danke für den Link
Etwas älter aber eine wichtige Ergänzung zum Thema „kultureller Blick auf das biologische und soziale Geschlecht“ ist: Auf den Leib geschrieben: Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud von Thomas Laqueur (1992)
Dass es Menschen mit uneindeutigem Geschecht gibt, setzt die Zweigeschlechtlichkeit nicht außer Kraft. Dass es Jugendliche gibt, bedeutet schließlich auch nicht, dass eine Kinder und Erwachsenen gibt. Die Ausnahme bestätigt hier die Regel. Jeder Mensch, ausnahmelos JEDER ist das Produkt der biologischen Zweigeschlechtlichkeit. Er hat eine Mutter und einen Vater. Weitere Geschlechter müssten eine reproduktive Funktion vorzuweisen haben. Daran kommt auch Herr Voss nicht vorbei. Was er vetritt ist Ideologie.
@komme_gleich schade, dass du den Beitrag nicht komplett gelesen und auch den verlinkten Vortrag nicht angesehen hast. dann wüsstest du nämlich, dass es nicht um Ausnahmen und Sonderfälle geht.
Dein Vergleich mit Kindern und Erwachsenen ist völlig aus der Luft gegriffen und belegt rein gar nichts. Abgesehen davon: Wusstest du, dass auch das Konzept der Jugend als Zeit zwischen Kind und Erwachsenen nicht schon immer da war? Es gab eine Zeit, in der die, die wir heute Jugendliche nennen, längst zu den Erwachsenen gezählt wurden und verheiratet waren, etc.
Darüber hinaus definierst du „Geschlecht“ über die reproduktive Funktion. Wenn du alt bist und keine Samen mehr verspritzen kannst, hast du dann kein Geschlecht mehr? Wenn du die Pille nimmst und deshalb nicht schwanger wirst, bist du dann weder Mann noch Frau?
Für deine Ideologie gibt es übrigens viele Namen. Heteronormativität zum Beispiel.
Geschlecht IST die reproduktive Funktion. 2 Geschlechter gbits seit einigen hundert Millionen Jahren. Sie entwickelten sich bei den Vorfahren heutiger Korallen und hatten einzig und allein reproduktve Funktion. Alles, was über diese Funktion hinausgeht, ist nachrangig und nicht das „Geschlecht“.
Natürlich nicht. Sein Geschlecht hat ein Organismus (sofern er nicht sein Geschlecht wechselt, das kommt z.B. bei Fischen vor) sein Leben lang. Ebenso wie ein Vogel ein solcher ist, auch wenn er noch nicht / nicht mehr fliegen kann. Der Besitz eines Geschlechtes ist nicht abhängig davon, ob der Organismus sich tatsächlich fortpflanzt oder fortpfanzen kann. Ein Hund, Rüde, der nie Gelegenheit zur Fortpföanzung hat, ist dennoch ein männliches Tier.
Falsch. Das ist keine Ideologie, sondern eine Wissenschaft, die nennt sich Biologie. Die Ideologie von der Heteronormativität ist dem Geschlecht ebenfalls nachrangig und bezeichnet eine kulturelle / gesellschaftliche Strömung, die der Biologie und Evolutionstheorie ihre Gültigkeit absprechen will und dabei verkennt, dass es immer die Mehrheiten sind, die im jeweiligen Kontext Normen setzen. So setzen z.B. auch Homosexuelle in ihren Kontexten Normen, die Heteros explizit ausschließen.
ich glaube, das war dein letzter Kommentar auf meiner Seite.
http://www.derailingfordummies.com/#true
Ich lese auch gerade „Making Sex revisited“ und ich bin bisher noch nicht so angetan. Er stellt die aktuelle Theorie in der Biologie ja gar nicht da sondern sagt nur ganz grob, was da vertreten wird, in etwa 5 Sätzen. Das ist so als würde man sagen, dass Butler meint, dass Sprache irgendwie die Geschlechter konstituiert und nichts weiter dazu. Mann kann sich aus diesen Informationen kein faires Bild über die Theorie machen.
Er geht dann auch nur auf Genetik, aber nicht auf den eigentlich von ihn auch so auf Seite 232 benannten Hauptpunkt, die Hormone ein (wobei ich noch ein paar Seiten vor mir habe, aber soweit ich es gesehen habe, kommt zu den Hormonen nichts mehr).
Er macht insofern genau das, was er den anderen Forschern vorwirft, nämlich das weglassen, was ihm nicht gefällt und das darstellen, was seine Theorie stützt. Das es nur die eine Studie zu Unterschiede in den Sprachen gibt, ist ja so nicht richtig. Es gibt diverse andere Studien, gerade in Bezug auf die Hormontheorien.
Es ist schade, dass er sich den „gegnerischen Theorien“ nicht etwas nachdrücklicher stellt. Ich hätte gerne seine Gegenargumente dazu gelesen.
komme_gleich hat doch nicht komplett unrecht. Geschlecht ist eine biologische Funktion, als eine solche ist sie sicher ein Konstrukt, ein Modell. Aber das bedeutet doch nicht, dass es komplett gesponnen und nutzlos wäre.
Ebenso können das Plastikmodell mit den Innereien im Biologie-Unterricht oder Organzeichnungen oder auch -Fotos in Fachbüchern kritisiert werden. Dass Leute im Inneren wirklich so ausschauen, ist wohl die Ausnahme. Dennoch dienen diese Modelle dazu etwas zu erklären (Fortpflanzung z.B.). Die spannende Frage ist doch nur, inwieweit sie eine Rolle für den Lebenstil spielen und ob das so sein sollte.
So ein Modell behauptet etwas als etwas Wesentliches, als eine Norm, wonach Abweichungen schnell als Ausnahmen, vernachlässigbar oder sogar als schädlich dastehen.
U.a. daraus ergibt sich eine Ambivalenz für das eigene Leben, die z.B. auch für den Begriff der Gesundheit generell gilt. Dennoch ist Medizin nicht per se schädlich, auch wenn sie in dieser Gesellschaft im Wesentlichen dann finanziert wird, wenn sie als dem nationalen Wirtschaftsprodukt dienlich betrachtet wird.
komme_gleich fängt bloß ab da zu irren, wo er_sie meint, Leute behielten ihr Geschlecht ihr ganzes Leben, ja habe überhaupt eine Bedeutung für ihr Leben.
Biologismus liegt doch dann vor, wenn ein Modell zur Erklärung irgendwelcher Naturphänomene benutzt wird, um Leute für die Ansprüche der Gesellschaft zu verändern oder auch von einer von ihnen gewünschten gesellschaftlichen Veränderung abzuhalten, also wenn aus dem ja doch recht abstrakten biologischen Modell ein konkretes politisches gemacht werden soll.