Passend zum letzten Thema hab ich diese Broschüre (pdf) hier gefunden. Sie heißt „Sicherheitstipps für Frauen und Mädchen“ und wurde von der Frauenabteilung der Stadt Wien erstellt. In der Einleitung erklärt Frauenstadträtin Frauenberger, dass zu einem „selbstbestimmten Leben“ auch die Fähigkeit gehört, sich zu behaupten, selbstbewusst für die eigenen Interessen einzustehen und sich so zu verhalten, dass die größtmögliche Sicherheit für Leib und Leben gewährleistet ist.
Es finden sich nicht nur sehr viele Adressen, Informationen und Telefonnummern in und um Wien, auch für der deutschen Sprache mächtige Leute außerhalb Österreichs gibt es einiges zu lesen:
Frauen erfahren, wie sie ihre persönlichen Grenzen schützen können, was ihre Rechte sind, wo sie Hilfe oder Unterstützung finden, warum es sinnvoll ist, Selbstverteidigung zu lernen und auch rassistisch motivierte Gewalt wird besprochen und verurteilt. Zu den meisten Themen gibt es weiterführende Adressen und Literaturhinweise. Die Broschüre hat einen feministischen Grundton und will Frauen und Mädchen bestärken, ein möglichst freies, selbstbestimmtes Leben zu führen (was immer das heißen mag), ist also auf jeden Fall lesens- oder überfliegens- oder an die Tochter/Schwester/Cousine/irgendein anderes Mädel – weiterreichenswert.
Ich finde das schon gut, dass so eine Broschüre quasi vom österreichischen Staat aus verteilt wird. Aber nach der Lektüre (egal welcher Informationsblätter zu diesem Thema) bleibe ich mit ein paar mulmigen Fragen zurück:
Können ernsthaft derartige Informationen, teilweise sogar Verhaltensappelle, an die Hälfte einer Bevölkerung gerichtet sein?
Ist die Hälfte der Mitglieder der Gesellschaft (ich schere jetzt mal Österreich und Deutschland über einen Kamm. Hier gibt es ja auch solche Broschüren, etc) gefährdet? Muss die Hälfte aller Leute, die hier rumlaufen, erst mühselig lernen, sich so zu verhalten, dass sie in ihrer eigenen Umwelt in Sicherheit ist? Laufen fünfzig Prozent der Menschen Gefahr, früher oder später Opfer von Gewalttaten zu werden, die sie nur betreffen, weil sie zu eben jenen fünfzig Prozent gehören?
Was heißt das?
Die Welt (ich sitze hier im deutschsprachigen mitteleuropäischen Raum und meine erstmal auch den), die uns umgibt, ist so errichtet, dass grob geschätzt mindestens 50% der sie bevölkernden Personen nicht richtig hineinpassen. Sie sind wie Kinder, die aus dem IKEA-Bällchenparadies ausgebrochen sind und nun durch den Möbelladen taumeln. Sie müssen davor bewahrt werden, gegen den nächstbesten Schrank zu knallen, sich mit den kostenlosen Bleistiften die Augen auszuspießen oder von einem der hektischen Erwachsenen zertrampelt zu werden. Manche (oder Viele) schaffen es nach einiger Zeit, ebenfalls souverän den Einkaufswagen zu schieben und die Nummern der braunen Möbelkartons auf kleine Zettelchen zu notieren, ohne sich grobe Verletzungen dabei zu zu ziehen.
Was ist mit der anderen Hälfte? Was lernen die? Gibt es Broschüren in denen steht, Jungs, passt mal auf, viele von euch wurden und werden zu sagenhaften Mackern erzogen, ihr wachst in einer Welt auf, die 50% der euch umgebenden Menschen bedroht, ihr selbst seid aktiver und passiver Teil dieser Bedrohung, los, besucht Kurse, ändert was, baut eure Privilegien ab und mit uns die schöne Welt auf?
Und wieso fragen sich das die Maskulist_innen nicht? …Kristina?
Und wieso arbeitet nicht jede einzelne Person, die diese Broschüre gut und richtig findet, jede_r Lehrer_in, die_der die Mädchen ermutigt, Selbstverteidigung zu lernen, jede_r Parkhausarchitekt_in die_der „Frauenparkplätze“ einrichtet, meine Großmutter, die mir beibrachte, wie man fremden Angreifern in die Hoden tritt, akribisch daran, diese verf*ckten Verhältnisse endlich zu ändern?
UPDATE: Diese aussagekräftige Bemerkung auf fasst das auch irgendwie ganz gut nochmal zusammen We live in a society that teaches DONT GET RAPED instead of DONT RAPE
dominanz feminismus mackertum sicherheit
Diese verfickten Verhältnisse sind Garant für die Existenz männlich dominierter Gesellschaften, folglich würde ohne dieselbigen nichts mehr funktionieren.
Und davor haben die meisten Angst und bleiben im Sessel sitzen.
LG,
Lucia
Übrigens, Anarchie wäre die bessere Alternative
Ausgezeichnet! Ich würde den Text gern als Gastartikel bei mir veröffentlichen. Was hältst du davon? Bedingungen?
Mich stören diese Verhältnisse auch. Mir wäre es auch lieber, wenn Frauen sich genauso angstfrei bewegen könnten wie Männer, ohne dass sie da irgendwelche mehr oder weniger sinnvollen Vorkehrungen treffen müssen. Mich ärgert das wahnsinnig, dass es diese Gefährder gibt, weil ohne die das Verhältnis zwischen den Geschlechtern deutlich unverkrampfter wäre. Und da schließe ich nicht nur die Vergewaltiger sondern auch die Belästiger, Stalker und so alle mit ein.
Aber ich sehe mich nicht als Teil dieser Bedrohung. Was verstehst du eigentlich unter „passivem Teil“ der Bedrohung?
>>Und wieso fragen sich das die Maskulist_innen nicht?
Deiner Aufforderung nach ist jeder Mann/Junge, der keinen feministischen Kurs besucht hat, ein privilegiertes Arschloch / potentieller Vergewaltiger. Aus Sicht der Maskulisten_innen einfach nur sexistischer Kackscheiß.
@irgendwer, vielleicht liest du meinen Beitrag nochmal ganz langsam durch. Dann weißt du, dass deine Interpretation eher Projektion ist. Oder formulierst sie ein wenig präziser.
Ein wirklich sehr toller Artikel!!
Ich stimme dir zu hundert Prozent zu, wieso lernen nicht kleine Jungs, wie sie sich verhalten sollen, dass gewisse Sachen (wie Vergewaltigungen zB) nicht passieren!
@Luna:
Nicht zu vergewaltigen kann nicht gelernt werden.
Es liegt an der tradiert normativen Männlichkeitsdefinition und die müsste andere Werte bekommen. Jungs u. Männer, die diese Norm nicht erfüllen, können zu Täter werden. Siehe auch Amokläufe in Winnenden, Erfurt etc.
@irgendwer:
Aus Sicht der Maskulisten_innen einfach nur sexistischer Kackscheiß.
Wieso NUR?
Ne andere Sichtweise habt ihr doch gar nicht. *gröl*
@johannes
der aktive Teil der Bedrohung sind für mich die Taten, die tatsächlich begangen werden.
Passiver Teil der Bedrohung (ein wichtiger Teil, weil er den aktiven ja stützt und mitträgt) ist eine gesellschaftliche Grundstimmung, in der manche Menschen sofort im sexuellen Kontext bewertet werden und dadurch auch in Gefahren (zB die Gefahr, vergewaltigt zu werden) geraten können, die für andere Menschen gar nicht erst gedacht werden. Auch das Denken und Erziehen in die Differenz-Richtung (Mädchen können und sollen dies, Jungs können und sollen jenes) führt tendenziell zur gefühlten Schwäche der ersteren und zur gefühlten Überlegenheit der letzteren.
Ganz privat bei jedem (sic!) einzelnen fängt das Nachdenken über das eigene Verhalten an: Wann und wieso nehme ich mir Raum, weil ich groß bin und keine_r sich traut, mich wegzuschieben (U-Bahn), wann und wieso lache ich über sexistische (Vergewaltigungs-)Witze, wann und wieso sage ich zu einer Frau*, scherzhaft oder nicht, dass sie etwas auf Grund ihrer körperlichen Vorraussetzungen nicht tun kann/darf/sollte, etc.
Desweiteren halte ich es für sinnvoll, dass wir alle ein bisschen aufeinander schauen, vor allem auf Parties und im öffentlichen Raum. Ich glaube, der eigene gesunde Menschenverstand, offene Augen und Einfühlungsvermögen helfen dabei, die Situation um sich herum abzuchecken und bei Gefahren oder Problemen, die andere gerade haben, zu helfen oder diese Hilfe anzubieten.
@Johannes:
Du kannst Dich angstfrei in der Öffentlichkeit bewegen? Ehrlich? In der letzten Woche sind in Berlin unabhängig voneinander zwei Männer aus heiterem Himmel ins Koma geprügelt worden. So total angstfrei. Aber was heißt das schon, immerhin wurden sie nicht vergewaltigt.
Ja, zu dem Geschlecht zu gehören, daß mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit Opfer einer Gewalttat wird, ist wirklich ein unheimliches Privileg. Ich würde es gern aufgeben, aber erzähle mir jetzt bitte keiner, was ich tun muß, um nicht angegriffen zu werden. Warum können die bösen Leute nicht einfach alle weggehen?
B20
@bombe20
zu welchem Geschlecht gehörst du denn? Ich verstehe deinen Kommentar nicht ganz.
@raupe
Wenn Du mir sagt, wo ich mich unverständlich ausgedrückt habe, kann ich es vielleicht besser machen. (Es muß natürlich „das“, nicht „daß“ heißen, aber daran wird’s wohl nicht liegen.)
Zu Deiner Frage hilft Dir hoffentlich die Tabelle oben auf Seite 21 (PDF-Seite 22) in diesem Dokument weiter: http://www.bka.de/pks/pks2009/download/pks2009_imk_kurzbericht.pdf
Bombe 20
Ich vermute, dass du hier ironisch bist. Aber bis wohin geht die Ironie? Du würdest gern aufgeben, dass du zu jenem Geschlecht gehörst? Oder auf keinen Fall? Und wieso soll dir keine_r erzählen, wie du Gewalt aus dem Weg gehen sollst?
wünschst du dir, dass die „bösen Leute“ weggehen, oder ist das auch Ironie?
Schreib doch mal ernsthaft, was du meinst. Dann kann ich es ernsthaft lesen und verstehen.
ganz genau „wo sind die massen“ – die gegen sowas protestieren ? frage ich mich. und m.E. geht so eine broschüre heute = im 21. jhd ja garnicht (bitte in grossbuchstaben lesen).
sry mir wird bei sowas ganz übel.
denn : 1. unterdessen sind diese ganzen (mE verquasten/sexistischen usw.) „verhaltenstipps NUR für frauen“ durch diverse studien, analysen (und auch z.b. interviews mit vergewaltigern) widerlegt.
also gilt generell 2. „do not rape“ = „Vergewaltige niemand“
DAS ist doch eigentlich für jede_n verständlich. wann kommt so’ne „kampagne“ im deutschsprachigem raum ?