Nach dem Radiobeitrag von Radio Island ( Macker – Ein feature über „männliches“ Dominanzverhalten in der linken Szene ) stellte ich mir die Frage, wie es denn nun konkret möglich ist, die eigene Gesprächskultur weg von Macker_innenverhalten, unverdientem Gesprächedominieren und intellektuellem Gepose zu verbessern. In diesem Beitrag versuche ich, meine bisherigen Erfahrungen zu analysieren und eine Erkenntnis zu gewinnen.
Warum?
Ich möchte zuhören, ohne meine medienverdorbenen Rezeptionsgewohnheiten (schöner, lauter, schicker). Ich möchte gehört werden, ohne mich gut dabei zu verkaufen. Ich möchte nicht in der Arbeit gegen die hegemonial geprägte Gesellschaft und Heteronormativität die Mechanismen eben dieser Dinge reproduzieren. Ich möchte echten Austausch statt Aushebeln und Überstimmen.
Aber wie kommen wir dahin?
Eins Vorweg: Das mackerische Auftreten findet sich bei Menschen jeder Geschlechterrolle, aber natürlich gibt es durch unsere sexistische kulturelle Prägung einen Überhang an männlichen Mackern. Das habe ich im Hinterkopf, aber da ich mich ebenfalls als dominante Rednerin betrachte, möchte ich hier geschlechterübergreifend schreiben.
Ich unterscheide erstmal zwischen der Situation einer politischen Diskussion bzw. einer Besprechung, in der viele Leute über ein Thema miteinander reden und meist zu einem Ergebnis kommen wollen und einem Gespräch im freundschaftlichen Kontext, das ungesteuert verläuft und keinen Ergebnisdruck kennt.
In diesem Text bespreche ich den ersten Fall: Eine (politische) Besprechung, an der mehrere bis viele Personen teilnehmen, die sich gut bis gar nicht kennen.
Hier gibt es äußere Mittel, den Gesprächsverlauf gerecht zu steuern, aber die stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn sie nur von außen kommen: Die Redeliste, selbst wenn sie quotiert ist, nimmt nur die auf, die sich auch melden. Wenn schon fünf Leute was zum Thema gesagt haben, das wahnsinnig schlau und durchdacht klingt und sich vielleicht schon eine Meinungstendenz der Gruppe abzuzeichnen scheint, ist die Überwindung größer, sich doch noch zu melden und die Diskussion in eine ganz andere Richtung zu lenken. Auch könnte die eigene Ansicht für falsch oder unpassend gehalten werden, wenn die Vorredner_innen einhellig gewisse Wahrheiten akzeptiert haben.
Ich denke nicht, dass selbstbewusstes Auftreten grundsätzlich problematisch ist. Es ist sogar wichtig und nötig, um auf sich selbst in der Welt da draußen aufzupassen. Wenn ich meine Grenzen kenne, wenn ich weiß, was ich will und wenn ich Selbstachtung habe, kann ich einerseits respektvoll mit anderen umgehen und gleichzeitig aus der Reihe tanzen, weil mir das Fehlen des sicheren Hafens Normativität nichts oder wenig anhaben kann.
In einer politischen Gruppe mit emanzipatorischen Ansprüchen sollte dies aber nicht notwendig sein. Ich wünsche mir, dass alle zusammenarbeiten können, ohne dass um die eigene Identität gekämpft werden muss, ohne dass Platzhirsche ausgehandelt werden, ohne dass die eigene Persönlichkeit und Durchsetzungskraft wichtig ist, um gefragt und angehört zu werden. Aber wie erreichen wir das?
Äußerliche Auflagen können manches erleichtern. So die schon erwähnte Redeliste, das Nicht-unterbrechen von anderen und Feedbackmöglichkeiten wie „stummer Applaus“.
Es gibt die Möglichkeit, Inputs und Expert_innenbeiträge von der eigentlichen Diskussion zu trennen, da meist nicht alle den gleichen Kenntnisstand über ein Thema besitzen.
Doch das reicht nicht aus.
Mittel, die bewusst und unbewusst eingesetzt werden, um das Eigene gut zu platzieren, wichtig und richtig erscheinen zu lassen und andere Beiträge zu überschatten können sein:
Lautes reden
dominante Körpersprache (aufstehen, breite Beine, große Gesten, generell große körperliche Präsenz)
häufiges Zitieren (das beginnt schon mit solchen Sätzen: „Foucault schreibt ja auch…“, „Ich bin Materialistin, also seh ich das anders“)
Benutzung Fremdworten/Fachbegriffen, obwohl es besser verständliche Worte gäbe
Insider_innen-Witze
Lachen, Augen verdrehen, Flüstern, Kommentare, während andere sprechen
Vorredner_innen und ihre Beiträge einfach ignorieren
grundlos wiederholen, was bereits gesagt wurde
geräuschvoll den Raum verlassen, Türen unvorsichtig zuwerfen, während andere sprechen
In der Schule und in der Uni wurden einige dieser Verhaltensweisen gelobt oder sogar mühsam antrainiert, wenn es darum ging, Referate, Vorträge und Gruppenarbeiten anzuleiten. Dort war das Ziel, die Aufmerksamkeit der anderen zu bekommen und im Idealfall, die Zuhörer_innenschaft im Griff zu haben. Das lässt sich aber nicht auf die von mir angesprochene Diskussionssituation übertragen.
Hier gilt: Alle, die dabei sind, haben 1. einen Grund, dabei zu sein und deshalb auch 2. das Recht, dabei zu sein. *
Keine_r muss sich das Mitmachen durch intelligente, eloquente, witzige oder coole Beiträge verdienen.
Letzendlich hängt die gute Gesprächskultur aber von uns allen, die in dem Gespräch drin sind ab. Wenn die dominanten Redner_innen von den submissiven Redner_innen erwarten/verlangen: Traut euch! Sagt doch was! Meldet euch doch!, ist das keine echte Lösung. Hier wird das Problem (Macker_innen wird mehr Gehör geschenkt) als Status Quo verteidigt und die Verantwortung den Leidtragenden zugeschoben: Den Leisen, Ruhigen, Schüchternen, Unsicheren.
Vielmehr sollten sich Menschen mit dominantem Redeverhalten selbst zurücknehmen. Wir dürfen uns nicht auf die Moderation verlassen, falls es eine gibt, sondern müssen uns ständig selbst fragen:
Wie oft habe ich mich bereits gemeldet? Wie oft habe ich gesprochen?
Wer hat noch gar nicht gesprochen? Was hat das mit meinem Redeverhalten zu tun?
Habe ich Bündnisse geschmiedet, meine Meinung generalisiert, auf imaginäre Gruppen übertragen?
Spreche ich laut?
Welche Sprache verwende ich? Sind meine Argumente verständlich?
Wie nehme ich die Atmosphäre war? Ist es nötig, die Atmosphäre zu thematisieren? Haben sich andere bereits aus der Diskussion ausgeklingt und sitzen passiv dabei?
Bin ich ironisch oder sarkastisch? Mache ich Insider_innenwitze oder lache ich über sie?
Habe ich andere persönlich angegriffen oder kommentiert und nicht deren Aussagen?
Das lässt sich am besten in kleinen Gruppen von bis zu 20 Leuten umsetzen, je erfahrener, bewusster und selbstreflektierter die anderen und wir selbst sind, desto leichter wird es für alle. Die Konzentration steigt, die Vielfalt der Beiträge und sogar die Harmonie in der Gruppe ebenfalls!
Ein weiterer Schritt in diese Richtung: ANARCHIE UND LIHBE!
Bis bald also.
*Ausnahme: Betroffenengruppen, in denen die jeweils betroffenen unter sich sein sollen (Antisexismus, Antirassismus, etc)
dominanz feminismus mackertum redeverhalten
1 Antwort auf „gespräche mit gockeln“