All you can speak

Geschlecht. Geh schlecht. Ich tue so als hätte ich eins, aber alle Kleider sind Drag und zwar nicht im Samstag-Abend-was-machen-wir-heute-ach-wie-wär´s-mit-einem-Schnurrbart-Sinne sondern unfreiwillig und wenn ich spreche dann höre ich meiner eigenen, merkwürdigen Stimme zu. Ich „bin“ kein Junge, das sehen alle und gleichzeitig sehen alle, dass ich Jungsklamotten anhabe. Alle sehen das doch. Oder? Wenn ich Mädchenklamotten anziehen würde, wäre ich besser getarnt, aber dann würde ich plötzlich an ganz anderer Stelle wieder sichtbar, nämlich als wahrgenommene Frau* und die müssen ja permanent frauisiert werden. Das ist Volkssport. Vielleicht ist die Abwesenheit von Street Harassment ein kleiner Hinweis auf so etwas wie 1 „männliche“ Aura, die mich umgibt; die Abwesenheit von Kommentaren und Grabschern ist eine Ent-Frauisierung die ich nicht erwartet habe. Kein Cis-Mann wird von sich aus merken, dass er nicht begrapscht wird. Deshalb denken viele von ihnen, dass sie einfach nur „sind“, in ihrem Mann-„sein“, ihrer Männlichkeit, was auch immer das ist. Es ist sehr verwirrend, die eigene Performance auf nichts-Tun hin zu überprüfen. Oder besser: Auf Dinge, die ich gelernt habe, als neutral oder unsichtbar, als nichts-Tun wahrzunehmen. Warum wissen diese ganzen Typen so genau, wie sie sitzen und gucken und Kaugummi kauen? Will ich das auch alles ganz genau wissen und können? Will ich überhaupt zu 1 klaren Seite gehören? Was für Seiten gibt es? Mann und Frau oder welche noch? Eine Seite ist jedenfalls falsch für mich, das ist diese komische Frau-Seite. Von der Frau für die Frau.

Unerträglich, dass man beweisen muss, dass man zu 1 Geschlecht gehört, wo doch der „Beweis“ selbst schon meinem Denken, Fühlen und Tun widersprechen würde. Warum bin ich überhaupt in 1 Bringschuld, warum ist es der 1. Schritt, den die Gedanken machen, dass ich mich verändern soll_muss? Um verstanden zu werden? Oder was? Diese verdammte Gesellschaft muss sich verändern. Wir müssen sie verändern.

Normen, Normierungen, Normiertheiten an jeder Ecke. Zum Beispiel Gartenblumen. Man kann fast nur die Blumen anpflanzen, die es im Baumarkt zu kaufen gibt, alle anderen scheinen nicht zu existieren oder werden jedenfalls ent-nannt. Alle außer ihnen selbst wissen nicht, dass es sie gibt. Oder sie werden hässlich gefunden und schädlich. Menschen sind nicht wie Gartenpflanzen, es ist eher umgekehrt: Das Bedürfnis und die daraus folgende Praxis, alles immer ganz genau in Kategorien der Verwertbarkeit einzuordnen zieht sich durch die meisten (alle?) Bereiche des Lebens in dieser Gesellschaft / in diesem System / unter diesen Umständen.

Out of order: Das bedeutet, dass man nicht funktioniert oder benutzbar ist. Ich funktioniere noch. Den Widerspruch, das eigentlich in der Bezeichnung vorgesehene Kaputtsein balanciere ich aus mit meiner ganzen Kraft, so scheint es. Out of order ist man vielleicht wirklich erst, wenn man auch nicht mehr funktionieren kann. Bin ich inside of the order?

Mein Pulli duftet nach Vanilla Impulse, einem Bodyspray, das vor 12 Jahren bei den Mädchen in meiner Klasse modern war und das vermutlich wichtiges Utensil meiner Selbst-Frauisierung gewesen ist. Es macht jedoch keinen Sinn zwischen Selbst- und Fremd-Frauisierung zu unterscheiden, weil das Innen und das Außen nicht voneinander trennbar sind.

Während meines ersten Atemzugs wurde ich bereits gebrandet: Mädchen. Das stand offiziell auf irgendeinem Papier und das haben dann alle unterschrieben. Inoffiziell stand noch viel mehr drauf, aber diese Mädchensache ist im Moment am weitesten vorn in meinem Kopf. Jetzt muss ich reagieren auf die Genderungsaggression der Draußenwelt, also das dauernde, stetige, überall geschehende gegendert werden, einem Geschlecht (dem Geschlecht) zugeordnet werden. Ich muss Entscheidungen treffen über meinen Körper und dann muss ich diese Entscheidungen umsetzen. Ein Hauchfeines Netz aus Sanktionen und Belohnungen überzieht jeden weiteren Atemzug und wenn ich dagegen aufbegehre weiß ich nichtmal ob es sowas wie ein Aufbegehren überhaupt gibt.

Nachts durch die Provinz tuckern, weil man zum einzigen queer_feministischen Abendevent des Monats und der Region will. In diese verschworene Gemeinschaft gehören, die im Grunde genommen nur wegen überall anzutreffender gewaltvoller Körperpolitiken besteht. Dort dann angekommen, denkt eine Person hinter der Bar für eine Sekunde, dass ich ein Cistyp bin. (Es war dunkel.)

Lernen, dem eigenen Urteil zu vertrauen. Ich möchte schreiend in den Wald rennen, meine Haut vom Körper reißen, daraus ein Zelt bauen und mich darunter verstecken.

In der S-Bahn so tun als wäre ich ein Mann. Ausprobieren, wie andere reagieren. Oder besser: Nicht reagieren. So ist das nämlich als weißer Typ, meistens ist man unsichtbar.

frauisierungsablehnung & männerhass / andy misandry / hohes cis, naturtrüb

als kind wollte ich 1 junge sein oder ein nicht-mädchen so genau weiß ich es nicht mehr. / und ich wollte toni genannt werden weil alle diesen namen tragen könnten. / frauisierte sein. mehr frau ist nicht drin, als das, was von außen draufprojeziert wird./ letztes jahr trafen mich eltern von gleichaltrigen mit denen ich damals befreundet war&die mit meiner familie noch kontakt haben wieder / sie erinnerten an toni,lachten und steigerten sich in krasse sexistische,transphobe, lookistische,weißnichtwasalles übergriffigkeiten hinein

pascale – auch 1 name für alle / warum war es so wichtig, nach 20 jahren mich auf „meinen“ platz zu verweisen und die norm rückblickend und zukunftsweisen grade zu rücken? / im moment erscheint mir jede anrufung und benennung die mich frauisiert als eine ungerechtigkeit oder etwas unangenehmes / es heißt ja doch nur, dass ich mutter_isiert, hetero_sexualisiert und was nicht alles werde. / frauisiert bedeutet dass ich auf 1 platz verwiesen werde

und egal wie groß ich mir den platz boxen kann, es bleibt 1 platz/ ich hab kein lächeln und keine haut und keine gebärmutter sondern ich habe frauisierte attribute / es ist als würde mir das weggenommen durch die fremdbezeichnung_frauisierung / und gleichzeitig erkenne ich in anderen frauisierten & in femme performances eine unbändige kraft / aber für mich kann ich die irgendwie nicht nutzen. die last des frauisiert werdens ist meist größer als die subversion sich anfühlt / mutterisiert vs. motorisiert / zukunftsweisend vs. zukunftswaisen / es ist ja nicht so als würde ich gefragt ob ich frauisiert werden will oder als frau gelesen oder was nicht alles / und in räumen in denen ich gefragt werde weiß ich gar nicht was das heißen soll.

das frauisiertsein ist so groß und schwer dass es irgendwelche darunterliegenden gender_performance_träume erstickt / falls es sie geben sollte / das tut wirklich gut dass ihr mitlest <3

es ist auch so als ob mir strategien nicht zur verfügung stünden oder als müsste ich sie erst frauisieren um sie zu nutzen / zum beispiel wenn ich mir anerkennung wünsche oder ähnliches / dabei muss ich immer lächeln. mein lächeln ist das am schwersten zu ent-frauisierende./ ich lächle und lächle um nicht für andere ent-frauisierungs-maßnahmen abgestraft zu werden. um noch teilnehmen zu können_dürfen / dabei bin ich meistens traurig und wütend und hab nix in mir was lächelt außer der frauisierung / und wenn ich dann mal wirklich lächeln will dann ist das schon ganz abgenutzt. nur eine weitere frauisierungsperformance. care-work. / selbst-typisierung macht intellektuell gefasst auch nicht mehr sinn. / aber intellektuell läuft hier grade nichts, noch bin ich am weinen

Diese Tweets schrieb ich vor einigen Wochen, und glücklicherweise wurde ich nach den ersten Sätzen ermuntert, weiter zu schreiben und plötzlich kamen Erkenntnisse hervor, mit denen ich nicht gerechnet hatte und die mich aufwühlten usw. Jetzt fange ich an, sie weiter in Worte zu fassen und über meinen geschützten Twitteraccount hinaus zu teilen.

Ich habe gelernt zu denken, ich bin 1 Frau und kann_mag_darf_sollte trotzdem. Dank feministischer Elternteile hab ich das gelernt, während ich gleichzeitig lernen sollte, ich bin 1 Frau deshalb kann_mag_darf_sollte ich (nicht). Warum wurde mir nicht beigebracht: Ich bin und ich kann_mag_darf_sollte. Warum. Ist die konsequente Herangehensweise so schwer ersichtlich? Es gibt Männer und Frauen aber eigentlich gibt es nur Leute, die dafür gehalten werden. Es gibt Körper und es gibt fickende, liebende, küssende, tötende Körper. Es gibt Codes, so viele Codes dass man kotzen möchte und es kommen immer noch mehr, je genauer man hinschaut. Wenn ich mir vorstelle, jemand anders hätte meinen Körper, finde ich ihn schön. Auch wenn ich ihn im Spiegel sehe, einwandfrei. Ich finde er ist sehr schön geformt und hat viele interessante stellen und auch süße, zarte Stellen und muskulöse, beeindruckende Stellen. Aber wenn ich meinen Körper und mein Gesicht zusammen denke dann wundere ich mich und mir wird außerdem 1 bisschen schlecht. Irgendwas stimmt nicht. Ein dermaßen fraulicher Körper, wieso ist er überhaupt so fraulich? Weil ich ihn jahrelang darauf getrimmt habe, weil die herausgesteckte Hüfte und das Hohlkreuz und das getackerte Lächeln nicht mehr rauszuschrubben gehen wie 1 Rotweinfleck oder Menstruationsblut das festgetrocknet ist.

Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich kein Mädchen. Ehrlich, ich hab nachgesehen. Keine Frau. Sondern irgendwas. Jemand.

Es ist schön den eigenen Körper ungegendert zu betrachten. Aber es ist traurig zu wissen, dass ich von außen hypergegendert werde, weil ich Brüste besitze und andere frauisierbare Attribute. Deshalb ist es oft schwer sich etwas Passendes anzuziehen, nicht weil ich männlich aussehen will sondern weil ich erstmal androgyn wirken möchte und dafür muss ich der starken Frauiserung etwas entegegn setzen.

Ich glaube nicht an Natur und Natürlichkeit, an Biologismen und genetische Anlagen für Geschlechterrollen. Ich glaube an die soziale Konstruiertheit dieser Dinge, an die verwobenen Machtstrukturen, an die Wirkung von Sprache, Performance und Geschichten. Meine Geschichte ist eigentlich recht langweilig. Wer meine soziale Positioniertheit kennt, kann sich den Großteil meiner Biografie zusammenreimen: Kind von 2 heterosexuellen Ärzt_innen, weiß, Ende der 80er geboren und aufgewachsen in Deutschland, Mittelschicht, Ausbildung in 1 künstlerischen Beruf, queere Sexualität, frauisiertes jedoch unklares Geschlecht.

Inzwischen erscheint mir diese dauerhafte Präsenz von Heteroliaisons merkwürdig absurd. Und verdächtig auch. So wie wenn man etwas modisch anzieht und sagt, das gefällt mir einfach so, und nicht, weil es modisch ist. Ich mag Mode sehr und trage gerne manche modischen Dinge. Das ist auch nicht schlimm. Aber wieso nur wird Heterosexualität und Cisgender so naturalisiert? Als ob es normal_unhinterfragbar wäre, dass man das macht_fühlt, was alle machen_fühlen. Vielleciht ist das genau der Punkt: Leute unterscheiden zwischen Gefühlen und Taten, als ob sie über erstere nicht verfügen könnten und über letztere schon. Ich fühle nunmal hetero_normativ, ja, schade, tut mir leid aber ich handle ja nicht hetero_normativ. Oder ich handle hetero_normativ aber ich bin 1 Ausnahme, bei mir ist das wirklich wegen meinen Gefühlen, dass ich so handle nicht wegen der Norm. Das ist ja das Ding mit der Norm. Dass sie sich so normal anfühlt. Schwierig zu verstehen oder was. Diese Unsichtbarkeit. Das ist zum Verrücktwerden, wenn man selbst diese ganzen Norm_alitäten sieht und die anderen sie nicht zu sehen scheinen. Wenn man jedes Foto, jeden Film, jeden medialen Satz und auch jeden Satz von anderen Leuten analysiert, blitzschnell und daraus zahlreiche Schlussfolgerungen zieht, und die andren Leute haben nicht mal bemerkt, dass was komisch ist. Also das was du da siehst, das exisitiert nicht. Gespenst. Geist. Spirituell. Pendel. Esoterik. Das was du da siehst ist übernatürlich. Es wäre wirklich schön 1 guten text über die Frauiserung zu schreiben. Wie schön, dass das Wort Frauisierung das Frausein so sehr von mir entfernt. Damit kann ich erstmal leben. Ich muss keine Frau „sein“, als ob man etwas „sein“ könnte, aber dennoch muss ich nicht so tun als könnte ich 24 Jahre an_gerufen werden als Frau und Frauiserung durch und durch und bis ins Mark vergessen.

Ich hab schon mit 15 die Schwangerschaftsverhütungspille genommen, sozusagen auf dem Altar der Heterosexualität hyperfrauisert, weil meine christlichen Eltern wirr argumentierten, man könne keinesfalls abtreiben und Kondome seien zu unsicher. Die Pille hat meinen Körper stark beeinflusst und das in einer Zeit, in der sich eh so viel entwickelt. Das ist auch interessant, was Heteronormativität damit zu tun hat. Wäre ich 1 Typ gewesen und hätte mit vielen Frauen* aber mit ein paar Männern* geschlafen wäre ich sofort schwul gewesen. Jetzt gibt es immer noch viele die mich als hetero lesen. Und in der Schulzeit war lesbisch unsichtbar. Es existierte nicht. Ich konnte Sex mit Frauen* haben und alle meine Freundinnen küssen, aber das machte mich kein bisschen gay.

Ich mühte mich jahrelang ab mit der „weiblichen“ Performance. Ich las kiloweise Mädchen- und Frauenmagazine, ich übte jeden Nachmittag Schminken und Frisieren, ich versuchte, mir das Raumnehmen, die Wildheit, die aufgeschlagenen Knie und den Dreck unter den Fingernägeln abzugewöhnen und trainierte ein strahlendes Britney-Spears-Lächeln und setzte meine östrogenverstärkten Brüste in Szene. Die Künstlichkeit dieser Sache war mir währenddessen immer bewusst, das sehe ich an alten Tagebucheinträgen. Ich denke nicht, dass mein Tomboy-Verhalten als Kind in irgendeiner Weise natürlicher gewesen ist, aber es war eine Performance die mir leicht fiel und für die ich mich selbst nicht blockieren und zum Schweigen bringen musste. Jetzt lerne ich sie wieder neu und das ist absurd und zugleich das einzige, was mir einfällt.

Es ist unangenehm, als Frau gelesen zu werden, es ist unangenehm, wenn jemand über mich spricht als „sie“. In den letzten Wochen hatte ich das Glück, nein, das Privileg, studiumsbedingt mit einer Gruppe von queer_feministischen Performer_innen an einem Stück zu arbeiten. Diese Zeit hat mich sehr empowert und mir zugleich Luft zum Atmen gegeben, was die ganze Frauisierungsverwirrung angeht. Meine Crew hätte mich niemals aufgefordert, mal eben in die Highheels zu schlüpfen, die die Kostümbildnerin mitgebracht hat und weil wir Englisch miteinander sprachen sprach man über mich nicht mit den Pronomen „he“ oder „she“ sondern elegant mit dem Singular-“they“. Es ist erstaunlich, was für eine Freude so ein blödes kleines Wort machen kann. Es tat gut, dass die Leute um mich meine aktuelle Performance lesen konnten und keine klaren Erklärungen und Selbsteindordnungen einforderten und auch, dass Zweigeschlechtlichkeit, Cisgender und heteronormatives Paarungsbestreben niemals als Selbstverständlichkeit sondern immer nur als merkwürdige, kritisch zu betrachtende Phänomene behandelt wurden. So konnten ich und meine Verwirrung uns zurücklehnen und vorsichtig nachfühlen was eigentlich los ist.

In der Probenarbeit sind die Körper mehrere Stunden täglich Mittelpunkt des Geschehens. Gefühle, Ideen, Gedanken, alles wird mit dem eigenen und den Körpern der anderen verhandelt. Das ist anders, als wenn man privat miteinander umgeht, sich in Workshops trifft oder auf Parties. Auf diese Weise mit queeren Körpern in Kontakt zu sein hat mir gezeigt, was es alles gibt, jenseits von Barbie und Ken. Was das mit mir zu tun hat. Was Weiblichkeit und Männlichkeit alles sein kann, das diese Dinge shiften und fließen und aufbrechen und sich wandeln können. Klar, das wusste ich irgendwie und habe es auch seit Jahren an meinem eigenen Körper verhandelt, aber plötzlich sind ein paar Scheiben des milchigen Glases das vor meinen Augen hängt runtergefallen und liegen in Scherben auf dem Boden und ich sehe mich und meine „Geschichte“ klarer als vorher.

Interessanterweise habe ich mit dem Bloggen angefangen, als mich Themen interessierten, die irgendwie weit weg von mir selbst lagen. Die Kreise wurden immer enger und inzwischen schreibe ich über das, was das einzige ist, von dem ich mit Sicherheit sagen kann, dass es Ich ist und das mich zugleich an diesem berühmten Ich noch mehr zweifeln lässt als zuvor: Meinen Körper. Stay tuned, es wird irgendwie weiter gehen.

Lihbe,
Andy Misandry

Kanon II – Ranten gegen Deutschland. Theaterkadaversezierungshass. Ich.

Einiges spricht dafür dass die im deutschen Bürgertum verbreitete Angewohnheit, sich selbst für 1 Expert_in zu halten, ursprünglich aus dem Theatermilieu kommt. So verhalten sich jedenfalls die Leute hier. Deutsche Bürgerliche, das ist wohl das größte was 1 Mensch werden kann. Eine Meinung Haben fühlt sich so an wie Tatsächlich Bescheid Wissen und wird deshalb gern verwechselt. Man selbst ist neutral, objektiv gar und darf per Beruf_ung (wer da wen gerufen hat könnte auch mal erforscht werden) alle großen und kleinen Wunder des weißen deutschen Alltags auf die Bühne hieven.

Kleiner Einschub für Leute, die besseres zu tun haben, als das deutsche Bühnenelend zu beschauen: Wenn es „politisch“ werden soll geht´s meistens um Sexwork, Race, Migration, Prekarität, Gewalt. Wer wie über wen spricht, merkt ihr daran, dass die Themenwahl nicht Heteronormativität, Whiteness, Deutschsein, Privilegien und Herrschaft lautet. Die Theatermacher_innen, von denen die weiß positionierten, akademisch be-elternhausten, heterosexuellen, ableisierten cis-Personen die überwältigende Mehrheit bilden, sind natürlich individuelle Persönlichkeiten, nicht miteinander vergleichbar und schon gar nicht fremdbestimmt in die eben aufgezählten harten Kategorien stopfbar. Wer es doch tut, erntet Hass, Wut, Tränen. Freund_innenschaften werden beendet, Füße auf den Boden gestampft und Entschuldigungen eingefordert.

Dass es keine neutrale, von gesellschaftlichen Zusammenhängen unabhängige Identität gibt, dass es keine Wahrheit gibt, kein Gut und Böse, kein Echt und kein Falsch ist noch nicht auf die Probebühnen und in die künstlerischen Betriebsbüros vorgedrungen. Homosexualität wird meist über Kleid-tragende Männerkörper verhandelt, mit Glück erspart man den Zuschauer_innen die Trans*phobie2 und lesbisch, bisexuell oder gar queer kommt als Konzept nicht vor. Whiteness ist Norm, Normalität und unhinterfragt, Schwarze Positionen werden mit Blackfacing abgehandelt. Kaum ein Stück würde den Bechdel-Test bestehen, alle klassischen Frauenrollen würd ich gerne in die Tonne treten und die modernen und zeitgenössischen sind selten vielversprechend. Mit den Männerfiguren ist es dementsprechend auch nicht weit her, es gibt nur mehr von ihnen, sie sind vielseitiger in ihrer Eindimensionalität und haben in der Bühnenhandlung mehr Spiel_raum. Es gibt nur Männerkörper und Frauenkörper und jene, die perfekt als eins von beidem gelesen werden. Frauenkörper müssen jung, sexualisierbar und schlank sein. Männerkörper nicht ganz so sehr. Im Ensemble3 ist oft 1 alte Frau* untergebracht, das muss reichen. Kapitalismuskritik rutscht aktuell gern in plattes Banker-Geplänkel ab und der Antisemitismus, der in dieser Scheinanalyse enthalten ist, schwebt sauertöpfisch unsichtbar über dem Geschehen. Mit Stolz wird das Recht auf Rassismus verteidigt, virtuell, in der Kneipe und in der Aufführung1.

Weiß sein, in/aus der Mittelschicht sein und Künstler_in sein: Das ist die deutsche Dreifaltigkeit. Weiß sein heißt, dass es sich neutral anfühlt, wenn man eine Meinung hat zum Weltgeschehen. Mittelschicht heißt Expert_innentum durch Milieuzugehörigkeit, denn deren Bildungsgüter und materiellen Werte sind die Kanon bestimmenden in diesem goetheversehrten Land und wer Latein kann, kann zu Allem etwas Wichtiges beitragen. Künstler_in sein: Die Krone des kulturellen Aschenbechers. Als Künstler_in ist es leicht, sich und das eigene Bauchgefühl „nicht kapitalistisch“ zu verorten, der Widerspruch darin wird in der Wortwahl bereits deutlich. Als Künstler_in ist man moralisch in der überlegenen Position und muss sich gleichzeitig nie festlegen. Als Künstler_in ist man schwer angreifbar, und wenn man angegriffen wird, ist es leicht, die Kritik nicht an sich ranzulassen. Denn als Künstler_in steht man ja über dem kleinlichen Heckmeck und bewusste politische Positionen ent-kunsten die Kunst.

Ich, weiß positioniert, aus akademischem Elternhaus und in einem Ausbildungsbetrieb zur Theaterregisseurin drin versuche damit umzugehen und mich klar zu positionieren. Ich verlasse Aufführungen, in denen weiße Studierende mit dem N*Wort um sich schmeißen als wär es eine Sahnetorte und sie Clowns; ich verlasse Vorlesungen und Gespräche, in denen Vergewaltigungsverharmlosen propagiert werden; ich greife Heterosexismus an und die Herrschaft des Vereins grauhaarige deutsche Männer e.V., der den Werdegang der Schule bestimmt. Mit diesem Verhalten habe ich mich von Kommiliton_innen und Dozierenden weitestgehend isoliert, und es gibt nur wenige Kolleg_innen im Berufsleben zu denen ich überhaupt Kontakt halte. Das ist okay, ich mag klare Verhältnisse und suche mir meine eigene Crowd.

Andere machen das schon längst und sind in subversiven Nischen und Ecken erfolgreich, manchmal sogar so sehr, dass der Mainstream die Augen nicht mehr davor verschließen kann. Oder man wandert ganz ab in die grauen weiten der Performancelandschaft, schon immer ein Ort der Selbsthinterfragung, Selbstbehauptung, des symbolischen Widerstandes mit der Hilfe des eigenen Körpers. Durch seinen Off-Charakter und die billigeren Produktionsmittel zugänglicher für Künstler_innen die (z.B. wegen sozialer Position) über weniger_keine Ressourcen verfügen, aber dadurch natürlich in der Mehrheit auch nicht für dekonstruktivistische Erlöserphantasien geeignet.

Und wohin jetzt mit dem Theaterkadaver? Keine Ahnung.

  1. Stilblüten rassistischer Reproduktion: „Wenn man auf der Bühne nicht mehr N* sagen darf, darf man dann noch Jude sagen? Und was ist mit Hitler? Darf man nicht mehr Hitler sagen?“ – „Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, dass auch Schwarze Menschen ins Theater gehen.“ Sowie das Abfeiern gewisser Artikel zur Debatte. Usw. [zurück]
  2. Sexuelles Begehren und Geschlechtsidentität sind zwei verschiedene Dinge. Ich weiß, dass Trans_identitäten nicht automatisch mit Homosexualität einhergehn. Ich denke mal, ihr wisst das auch alle. [zurück]
  3. Das Ensemble ist die feste Truppe von Schauspieler_innen an einem Staats- oder Stadttheater. Es kommen in jeder Spielzeit Gäste hinzu, auch werden Ensemblemitglieder ausgewechselt, aber im großen und ganzen bilden sie eine Art festen Kern. Darin sollen möglichst verschiedene Typen repräsentiert sein: Freche Göre, Schmieriger Krimineller, Schwiegersohn, Femme Fatale, usw. Meist wählen Intendanz, Schauspielchef_in und wichtige Regissseur_innen die Ensemblemitglieder aus. [zurück]

Jahres end zeit depressions protokoll

In meinem Regal sitzt ein gelber Teletubby. Ich starre und warte, auf das Vergehen der Zeit.

Wie praktisch, dass ich mich selbst verorte, mein Sein pathologisiere, brav schlucke ich Tabletten und halte mich mit meinen Meinungen vornehm zurück. Mein Vorstellungsvermögen einer besseren Welt™ ist eingeschränkt. Der ganze komplexe Nebel und Steinbruch der in mir ist (so groß, dass er über Haut und Haare hinausreicht) einfach in eine kleine Schublade verpackbar. Depression steht drauf, Depression steckt drin. Das sagt sich leicht. Es ist ein Ringen um das Dasein und die Sichtbarkeit dieser Schwäche, gleichzeitig ist es eine Selbstentmündigung. Wem ich sage, dass ich depressiv bin, der biete ich freundlich an, in die Diagnose einzusteigen. Achso, Depression, ja schonmal gehört, ist schlimm und nicht schlimm. Ist eine Krankheit, kann man nix für, kann man irgendwie behandeln. Irgendwas mit Stress oder Trauma, je nachdem.

Was ist denn?
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Göte, Tröte, Klöte / Kanon I

Fragment / Das hat Georg Büchner auch nicht sauberer hinterlassen.

X. Etwas durchzieht die Kulturprodukte in mir und um mich, das man Kanon nennen könnte. Oder auch bedrohlich klappernder Haufen vergoldeter Pimmelskelette. Der Kürze halber bleibe ich aber bei Kanon. Hierbei handelt es sich um die Grundauswahl von Persönlichkeiten, Künstlern1, Schriftstellern, Musikern, Architekten, Feldherren, Theatermachern, Geschichtenverbreitern, die den mich umgebenden Kulturraum prägen, prägen. Prägen ist ein zu kleines Wort, in Wirklichkeit sind sie die Backsteine der Gefängnismauer, das Fundament des Vaterlands und der Sprechakt des Zum Schweigen Bringens.

X.
Der Kanon ist ein Kaleidoskop: er ist nur in der Lage, sich selbst zu spiegeln, er reflektiert Licht auf seine immer gleichen Steinchen und Plättchen, orndet sie unendlich oft aufs Neuean und zeigt doch keine Sicht nach draußen.

X. Die mangelnde Widerspiegelung von Körpern, die nicht einem Kanon aus weiß_bürgerlich_schlank_able-bodied _ entnommen sind, ist ein Problem und ein Symptom für ein Problem zugleich. Der Ameisenstaat Male Gaze wählt sie Podium für Podium, Interview für Interview, Studienplatz für Studienplatz und Zeitungszeile für Zeitungszeile aus der Öffentlichkeit. Systematisch, ohne dass es einen faschistischen Oberbefehl braucht, arbeitet ein Blickregime an der Reinhaltung der Volksretina2. Vereinfacht sprechen wir davon, dass jene, die nicht der Normalität zu entsprechen scheinen, der an Normierung gewöhnten Menschheit auch nicht gezeigt werden sollen. Aber die gewünschte Normalität ist nicht (nur) eine greifbare äußere Eigenschaft wie „dünn“ oder „weiß“, sondern sie ist die Unterwerfung unter den betrachtenden Blick. Der betrachtende Blick hat und will recht. Der betrachtende Blick, unsichtbar, hat großzügig eine Schublade freigeräumt: Die Schublade des ästhetisierten Einzelstücks. Wie ein buntes Sammelregal unterschiedlich geformter Kieselsteine dürfen sich die entmenschten Körper dort aufgereiht wissen. Sie sind entmenscht, weil ihnen nicht das zukommt, was Menschen eigentlich zukommen sollte: Ein Mensch hat das Recht zu sprechen und sichtbar zu sein, weil er ein Mensch ist und nicht, weil er sich der Norm annähert.

X. Die eigentliche Norm ist die der Ästhetisierbarkeit, der Ästhetisierung, der Ästhetisiertheit. Bisher nicht in der Norm / im Mainstream / auf der Netzhaut unserer Gehirne repräsentierte Körper Akzeptanz finden, wenn sie ästhetisiert und inszeniert werden. Wenn deine Unfassbarkeit konsumierbar wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sie abnickt. Wenn du dich mit den Gabeln der Normalität aufpieksbar, greifbar, fassbar, sichtbar, schluckbar, riechbar, herzbar machst, dann kann man damit umgehen, dass deine Haut so oder so aussieht. Wenn du dich einordnest in den Erzählstrang der Edginess, dann nimmt man deine nicht der Norm entsprungenen Gliedmaßen möglicherweise hin. Natürlich bist du trotzdem den Sanktionen des Blickregimes ausgesetzt, Beschimpfungen und Gewalt enden nicht mit dem ersten Poster in der Bravo.

X. Im Blickregime gucken sich alle erstmal selbst an und zwar am allerstrengsten. Dann der Blick auf die anderen: Bemüht sich dieser Körper, macht er was aus sich, gibt er sich mir zum Blickfraß hin?

X. Der Körper im Blickfang ist z.B. der weibliche Körper, weil das Körperliche traditionell nicht als das Geistige, als das Wilde und nicht das Gezähmte, als das Konsumierte und nicht das Konsumierende gelesen und geschrieben wird3.

X. Unterschiedliche Körper müssen unterschiedlich viel machen. Je weiter der Menschenkörper vom weißen, dünnen, able-bodied Vorbild abweicht, desto mehr Mühe und Zeit und Geld muss er in seine eigene Konsumierbarkeit stecken, will er im Blickregime bestehen. Schminke, Kleidung, Training, Schmuck und immer lächeln, lächeln, lächeln. Dazu kommt eine beständige Bestätigung der eigenen unterworfenen Position durch selbst-erklären. Sprache anpassen, Wörter anpassen, Tonfall anpassen, Timing anpassen. Gefühle anpassen. In die Kamera schauen, erklären. In die Rehaugen schauen, erklären. Ich bin so und so, weil das und das, und hier und da. Ich habe Rechte. Obwohl. Trotzdem. Gerade weil.

X. Es gibt noch eine andere Möglichkeit: Die der Körperlosigkeit. Unerwünschte Menschenkörper können sich in die Buchstabenwelt zurückziehen, wo ihnen nicht strukturell der Raum abgesprochen wird, sofern sie sich nicht als unkonsumierbare Körper outen. Sie können schreiben, bloggen, malen, pixeln, sich austauschen und gelesen werden. In der körperlosen Infrastruktur können sie erleben, was jahrzehntelang das weiße, männliche, nicht-behinderte Subjekt im Alltag erfuhr: Einen unsichtbaren Körper zu haben. Dafür müssen sie stückweise die Identität des weißen, männlichen, nicht-behinderten Subjekts annehmen, denn jeder Buchstabenbericht über davon abweichende Erfahrung ist automatisch ein Outing. Die Körperlosigkeit ist die Welt des Geistes, hier wohnt der Intellekt, die Macht, der Male Gaze. Hier wohnt auch das Individuum, die Möglichkeit des Ich, das Versprechen der Einzigartigkeit.

X. Ein sichtbarer Körper hat keine Gedanken / wer Gedanken hat, hat keinen sichtbaren Körper. Deshalb werden Politikerinnen* auf ihre äußeren Merkmale und ihre Körper aufmerksam gemacht (Frisur, Kleidung, mögliche Schwangerschaften), damit die Gedanken, die aus ihnen herauskommen, an Bedeutung verlieren können. Deshalb ist es möglich, dass eine queerfeministisch verortete dicke Person wie Beth Ditto im Mainstram gegessen und verdaut wird, ohne dass dieser Mainstream sich großartig ändern muss.

  1. Aus Konsequenz und Männerhass illustriere ich in dieser Aufzählung die patrisarchale Abwesenheit von Künstlerinnen, Künstler_innen, Künstlerinnen* und weiteren Personen jenseits der kanonischen Gewohnheit. [zurück]
  2. Retina = Netzhaut. Das Ding im Auge, auf dem sich das, was wir sehen in Chemie und Physik umwandelt, um ins Gehirn geleitet zu werden. [zurück]
  3. Hierzu gibt es auch viele Gründe, Immanuel Kant blöd zu finden. [zurück]


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