als kind wollte ich 1 junge sein oder ein nicht-mädchen so genau weiß ich es nicht mehr. / und ich wollte toni genannt werden weil alle diesen namen tragen könnten. / frauisierte sein. mehr frau ist nicht drin, als das, was von außen draufprojeziert wird./ letztes jahr trafen mich eltern von gleichaltrigen mit denen ich damals befreundet war&die mit meiner familie noch kontakt haben wieder / sie erinnerten an toni,lachten und steigerten sich in krasse sexistische,transphobe, lookistische,weißnichtwasalles übergriffigkeiten hinein
pascale – auch 1 name für alle / warum war es so wichtig, nach 20 jahren mich auf „meinen“ platz zu verweisen und die norm rückblickend und zukunftsweisen grade zu rücken? / im moment erscheint mir jede anrufung und benennung die mich frauisiert als eine ungerechtigkeit oder etwas unangenehmes / es heißt ja doch nur, dass ich mutter_isiert, hetero_sexualisiert und was nicht alles werde. / frauisiert bedeutet dass ich auf 1 platz verwiesen werde
und egal wie groß ich mir den platz boxen kann, es bleibt 1 platz/ ich hab kein lächeln und keine haut und keine gebärmutter sondern ich habe frauisierte attribute / es ist als würde mir das weggenommen durch die fremdbezeichnung_frauisierung / und gleichzeitig erkenne ich in anderen frauisierten & in femme performances eine unbändige kraft / aber für mich kann ich die irgendwie nicht nutzen. die last des frauisiert werdens ist meist größer als die subversion sich anfühlt / mutterisiert vs. motorisiert / zukunftsweisend vs. zukunftswaisen / es ist ja nicht so als würde ich gefragt ob ich frauisiert werden will oder als frau gelesen oder was nicht alles / und in räumen in denen ich gefragt werde weiß ich gar nicht was das heißen soll.
das frauisiertsein ist so groß und schwer dass es irgendwelche darunterliegenden gender_performance_träume erstickt / falls es sie geben sollte / das tut wirklich gut dass ihr mitlest <3
es ist auch so als ob mir strategien nicht zur verfügung stünden oder als müsste ich sie erst frauisieren um sie zu nutzen / zum beispiel wenn ich mir anerkennung wünsche oder ähnliches / dabei muss ich immer lächeln. mein lächeln ist das am schwersten zu ent-frauisierende./ ich lächle und lächle um nicht für andere ent-frauisierungs-maßnahmen abgestraft zu werden. um noch teilnehmen zu können_dürfen / dabei bin ich meistens traurig und wütend und hab nix in mir was lächelt außer der frauisierung / und wenn ich dann mal wirklich lächeln will dann ist das schon ganz abgenutzt. nur eine weitere frauisierungsperformance. care-work. / selbst-typisierung macht intellektuell gefasst auch nicht mehr sinn. / aber intellektuell läuft hier grade nichts, noch bin ich am weinen
Diese Tweets schrieb ich vor einigen Wochen, und glücklicherweise wurde ich nach den ersten Sätzen ermuntert, weiter zu schreiben und plötzlich kamen Erkenntnisse hervor, mit denen ich nicht gerechnet hatte und die mich aufwühlten usw. Jetzt fange ich an, sie weiter in Worte zu fassen und über meinen geschützten Twitteraccount hinaus zu teilen.
Ich habe gelernt zu denken, ich bin 1 Frau und kann_mag_darf_sollte trotzdem. Dank feministischer Elternteile hab ich das gelernt, während ich gleichzeitig lernen sollte, ich bin 1 Frau deshalb kann_mag_darf_sollte ich (nicht). Warum wurde mir nicht beigebracht: Ich bin und ich kann_mag_darf_sollte. Warum. Ist die konsequente Herangehensweise so schwer ersichtlich? Es gibt Männer und Frauen aber eigentlich gibt es nur Leute, die dafür gehalten werden. Es gibt Körper und es gibt fickende, liebende, küssende, tötende Körper. Es gibt Codes, so viele Codes dass man kotzen möchte und es kommen immer noch mehr, je genauer man hinschaut. Wenn ich mir vorstelle, jemand anders hätte meinen Körper, finde ich ihn schön. Auch wenn ich ihn im Spiegel sehe, einwandfrei. Ich finde er ist sehr schön geformt und hat viele interessante stellen und auch süße, zarte Stellen und muskulöse, beeindruckende Stellen. Aber wenn ich meinen Körper und mein Gesicht zusammen denke dann wundere ich mich und mir wird außerdem 1 bisschen schlecht. Irgendwas stimmt nicht. Ein dermaßen fraulicher Körper, wieso ist er überhaupt so fraulich? Weil ich ihn jahrelang darauf getrimmt habe, weil die herausgesteckte Hüfte und das Hohlkreuz und das getackerte Lächeln nicht mehr rauszuschrubben gehen wie 1 Rotweinfleck oder Menstruationsblut das festgetrocknet ist.
Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich kein Mädchen. Ehrlich, ich hab nachgesehen. Keine Frau. Sondern irgendwas. Jemand.
Es ist schön den eigenen Körper ungegendert zu betrachten. Aber es ist traurig zu wissen, dass ich von außen hypergegendert werde, weil ich Brüste besitze und andere frauisierbare Attribute. Deshalb ist es oft schwer sich etwas Passendes anzuziehen, nicht weil ich männlich aussehen will sondern weil ich erstmal androgyn wirken möchte und dafür muss ich der starken Frauiserung etwas entegegn setzen.
Ich glaube nicht an Natur und Natürlichkeit, an Biologismen und genetische Anlagen für Geschlechterrollen. Ich glaube an die soziale Konstruiertheit dieser Dinge, an die verwobenen Machtstrukturen, an die Wirkung von Sprache, Performance und Geschichten. Meine Geschichte ist eigentlich recht langweilig. Wer meine soziale Positioniertheit kennt, kann sich den Großteil meiner Biografie zusammenreimen: Kind von 2 heterosexuellen Ärzt_innen, weiß, Ende der 80er geboren und aufgewachsen in Deutschland, Mittelschicht, Ausbildung in 1 künstlerischen Beruf, queere Sexualität, frauisiertes jedoch unklares Geschlecht.
Inzwischen erscheint mir diese dauerhafte Präsenz von Heteroliaisons merkwürdig absurd. Und verdächtig auch. So wie wenn man etwas modisch anzieht und sagt, das gefällt mir einfach so, und nicht, weil es modisch ist. Ich mag Mode sehr und trage gerne manche modischen Dinge. Das ist auch nicht schlimm. Aber wieso nur wird Heterosexualität und Cisgender so naturalisiert? Als ob es normal_unhinterfragbar wäre, dass man das macht_fühlt, was alle machen_fühlen. Vielleciht ist das genau der Punkt: Leute unterscheiden zwischen Gefühlen und Taten, als ob sie über erstere nicht verfügen könnten und über letztere schon. Ich fühle nunmal hetero_normativ, ja, schade, tut mir leid aber ich handle ja nicht hetero_normativ. Oder ich handle hetero_normativ aber ich bin 1 Ausnahme, bei mir ist das wirklich wegen meinen Gefühlen, dass ich so handle nicht wegen der Norm. Das ist ja das Ding mit der Norm. Dass sie sich so normal anfühlt. Schwierig zu verstehen oder was. Diese Unsichtbarkeit. Das ist zum Verrücktwerden, wenn man selbst diese ganzen Norm_alitäten sieht und die anderen sie nicht zu sehen scheinen. Wenn man jedes Foto, jeden Film, jeden medialen Satz und auch jeden Satz von anderen Leuten analysiert, blitzschnell und daraus zahlreiche Schlussfolgerungen zieht, und die andren Leute haben nicht mal bemerkt, dass was komisch ist. Also das was du da siehst, das exisitiert nicht. Gespenst. Geist. Spirituell. Pendel. Esoterik. Das was du da siehst ist übernatürlich. Es wäre wirklich schön 1 guten text über die Frauiserung zu schreiben. Wie schön, dass das Wort Frauisierung das Frausein so sehr von mir entfernt. Damit kann ich erstmal leben. Ich muss keine Frau „sein“, als ob man etwas „sein“ könnte, aber dennoch muss ich nicht so tun als könnte ich 24 Jahre an_gerufen werden als Frau und Frauiserung durch und durch und bis ins Mark vergessen.
Ich hab schon mit 15 die Schwangerschaftsverhütungspille genommen, sozusagen auf dem Altar der Heterosexualität hyperfrauisert, weil meine christlichen Eltern wirr argumentierten, man könne keinesfalls abtreiben und Kondome seien zu unsicher. Die Pille hat meinen Körper stark beeinflusst und das in einer Zeit, in der sich eh so viel entwickelt. Das ist auch interessant, was Heteronormativität damit zu tun hat. Wäre ich 1 Typ gewesen und hätte mit vielen Frauen* aber mit ein paar Männern* geschlafen wäre ich sofort schwul gewesen. Jetzt gibt es immer noch viele die mich als hetero lesen. Und in der Schulzeit war lesbisch unsichtbar. Es existierte nicht. Ich konnte Sex mit Frauen* haben und alle meine Freundinnen küssen, aber das machte mich kein bisschen gay.
Ich mühte mich jahrelang ab mit der „weiblichen“ Performance. Ich las kiloweise Mädchen- und Frauenmagazine, ich übte jeden Nachmittag Schminken und Frisieren, ich versuchte, mir das Raumnehmen, die Wildheit, die aufgeschlagenen Knie und den Dreck unter den Fingernägeln abzugewöhnen und trainierte ein strahlendes Britney-Spears-Lächeln und setzte meine östrogenverstärkten Brüste in Szene. Die Künstlichkeit dieser Sache war mir währenddessen immer bewusst, das sehe ich an alten Tagebucheinträgen. Ich denke nicht, dass mein Tomboy-Verhalten als Kind in irgendeiner Weise natürlicher gewesen ist, aber es war eine Performance die mir leicht fiel und für die ich mich selbst nicht blockieren und zum Schweigen bringen musste. Jetzt lerne ich sie wieder neu und das ist absurd und zugleich das einzige, was mir einfällt.
Es ist unangenehm, als Frau gelesen zu werden, es ist unangenehm, wenn jemand über mich spricht als „sie“. In den letzten Wochen hatte ich das Glück, nein, das Privileg, studiumsbedingt mit einer Gruppe von queer_feministischen Performer_innen an einem Stück zu arbeiten. Diese Zeit hat mich sehr empowert und mir zugleich Luft zum Atmen gegeben, was die ganze Frauisierungsverwirrung angeht. Meine Crew hätte mich niemals aufgefordert, mal eben in die Highheels zu schlüpfen, die die Kostümbildnerin mitgebracht hat und weil wir Englisch miteinander sprachen sprach man über mich nicht mit den Pronomen „he“ oder „she“ sondern elegant mit dem Singular-“they“. Es ist erstaunlich, was für eine Freude so ein blödes kleines Wort machen kann. Es tat gut, dass die Leute um mich meine aktuelle Performance lesen konnten und keine klaren Erklärungen und Selbsteindordnungen einforderten und auch, dass Zweigeschlechtlichkeit, Cisgender und heteronormatives Paarungsbestreben niemals als Selbstverständlichkeit sondern immer nur als merkwürdige, kritisch zu betrachtende Phänomene behandelt wurden. So konnten ich und meine Verwirrung uns zurücklehnen und vorsichtig nachfühlen was eigentlich los ist.
In der Probenarbeit sind die Körper mehrere Stunden täglich Mittelpunkt des Geschehens. Gefühle, Ideen, Gedanken, alles wird mit dem eigenen und den Körpern der anderen verhandelt. Das ist anders, als wenn man privat miteinander umgeht, sich in Workshops trifft oder auf Parties. Auf diese Weise mit queeren Körpern in Kontakt zu sein hat mir gezeigt, was es alles gibt, jenseits von Barbie und Ken. Was das mit mir zu tun hat. Was Weiblichkeit und Männlichkeit alles sein kann, das diese Dinge shiften und fließen und aufbrechen und sich wandeln können. Klar, das wusste ich irgendwie und habe es auch seit Jahren an meinem eigenen Körper verhandelt, aber plötzlich sind ein paar Scheiben des milchigen Glases das vor meinen Augen hängt runtergefallen und liegen in Scherben auf dem Boden und ich sehe mich und meine „Geschichte“ klarer als vorher.
Interessanterweise habe ich mit dem Bloggen angefangen, als mich Themen interessierten, die irgendwie weit weg von mir selbst lagen. Die Kreise wurden immer enger und inzwischen schreibe ich über das, was das einzige ist, von dem ich mit Sicherheit sagen kann, dass es Ich ist und das mich zugleich an diesem berühmten Ich noch mehr zweifeln lässt als zuvor: Meinen Körper. Stay tuned, es wird irgendwie weiter gehen.
Lihbe,
Andy Misandry
cis definitionsmacht fashion feminismus gefühle heterosexuelle matrix menstruation penis pimmel privileg theater trans