Männerrechtler Herrmann C. Herman sagt endlich mal Bescheid, was los ist. Es ist nämlich so: Schuld sind die Feminazis, allen voran Rädelsführerin Nadine Lantzsch.
d.i.y. feminismus grrrlism herrmann herman männerrechte penis privileg spaßKlasse / Milieu / Schicht / Herkunft / Bildungshintergrund / kulturelles Kapital / sozio-ökonomisches Umfeld.
Diese Begriffe überlappen sich in ihrer Bedeutung, manche fühlen sich alt und sperrig an (Klasse), manche greifen zu kurz (Schicht, Milieu) und mir erscheint keiner wirklich treffend oder passend. Anders als bei den Kategorien Race, Sex und Gender lässt sich die Class einer Person kaum äußerlich festmachen. Verschiedene Faktoren wirken gegeneinander, der soziale und finanzielle Status eines Menschen wird häufig fast ausschließlich auf seine_ihre Anstrengungen und eigenen Leistungen zurückgeführt. Nach dem Motto „Jede_r kann es schaffen“ ist im Umkehrschluss Jede_r an ihrer_seiner Situation selbst „schuld“. In diesem Artikel werde ich einfach mal den englischen Begriff Class klauen und in ihn die Mischung der von mir eingangs genannten Bedeutungen hineinpacken.
In der nächsten Zeit möchte ich mich intensiv mit classism auseinandersetzen (und andere tun das schon längst, z.B. Clararosa oder Dishwasher) und hoffe auf eure Mithilfe. Bloggt, zwitschert und kommentiert mit mir (oder mit euch selbst). Wir brauchen eine Sprache, eine Class-Brille, wir brauchen Strategien und Perspektiven. Wir brauchen ein Bewusstsein und Solidarität. Danke an Lantzschi und RiotMango für Gedanken und Ideen.
Welche Classes gibt es? Welche Lebensumstände sind damit verbunden? Wie sieht der mediale Umgang und die öffentliche Meinung zu den verschiedenen Classes aus? In welcher Class befinde ich mich, meine Freund_innen, meine Verwandten? Wie sieht das schöne Leben aus, ohne dass Menschen über- und untereinander stehen? Geht es wirklich nur um Geld? Was genau ist Classism und wer profitiert davon?
Zum gedanklichen Einstieg hab ich eine Liste mit Class-Privilegien erstellt, die ihr gern in Kommentaren oder per Mail (herrmann.herman ÄT web.de) an mich erweitern dürft. Es handelt sich um günstige Umstände, Vorteile, Privilegien, die Menschen häufig unbewusst inne haben, ohne, dass sie etwas dafür tun mussten. Diese Vorzüge fühlen sich an, als seien sie selbstverständlich und normal und erscheinen deshalb unsichtbar. Ich orientiere mich konzeptuell an white privilege und male privilege. Bitte behaltet im Hinterkopf, dass Unterdrückungsverhältnisse sich verschränken und häufig gegenseitig verschärfen. Ich denke, dass je mehr der aufgeführten Punkte auf mich zutreffen, desto mehr Privilegien aufgrund meiner Class besitze ich. Was denkt ihr dazu?
- Was ich sage und wie ich spreche wird nicht auf meine Herkunft bezogen oder als prollig/asozial abgetan.
- Ich kann mir ironisch die Kleidung anderer classes aneignen.
- Mein Stil und Geschmack sowie der meiner Familie wird nicht als billig, trashig, kitschig verurteilt.
- Menschen meiner class werden als Individuen und nicht als Angehörige ihrer class gesehen.
- In öffentlichen Räumen und kulturellen Einrichtungen fühle ich mich passend angezogen und finde mich selbstsicher zurecht.
- Personen, Strukturen und Alltagsmerkmale aus meinem familiären und sozialen Umfeld werden nicht medial stereotypisiert und mit abwertenden Klischees aufgeladen.
- Menschen, die in Kultur und Medien den Ton angeben, entstammen einem ähnlichen sozio-kulturellen Hintergrund wie ich.
- Kinder zu bekommen, bedeutet für mich kein akutes Armutsrisiko.
- Verhütung und Geburtenkontrolle kann ich mir selbstverständlich leisten.
- Ich bin nicht oder kaum spürbar von staatlichen Kontroll- und Erziehungsmaßnahmen betroffen.
- Ich entscheide, welche Wohnung mir und meinem Lebensstil angemessen erscheint, nicht der Staat.
- Ich habe genügend Kapazitäten (Zeit, Energie, Infrastruktur), um ehrenamtliche Arbeit zu leisten.
- Geht es mir wirtschaftlich oder gesundheitlich schlecht, kann ich darauf vertrauen, dass mein familiäres und soziales Umfeld mich unterstützen wird.
- Wenn ich krank bin, muss ich mir die nötigen Medikamente und Behandlungskosten nicht vom Munde absparen.
- Ich bin aufgewachsen mit der Gewissheit, alles werden zu können, was ich will.
- Ich musste nicht beweisen, dass ich es verdiene, aufs Gymnasium zu gehen.
- Schulbücher, Lernmaterial und Schulausflüge konnte meine Familie mir selbstverständlich ermöglichen.
- Ich habe Abitur.
- Mehrere Erwachsene in meiner Familie haben Abitur.
- Wenn ich eine Zeitung oder Zeitschrift zum Thema Bildung und Ausbildung aufschlage, finde ich meine Berufsziele sowie die Berufe und Karrieren meines familiären Umfelds ausführlich besprochen.
- Ich kann nach meinem Schulabschluss Bildung und praktische Erfahrung (zB Praktikum) erwerben, ohne dass ich gleichzeitig für meinen Lebensunterhalt sorgen muss. Mein Umfeld findet das normal und richtig.
- Reisen zu Bewerbungs- und Vorstellungsgesprächen oder Aufnahmeprüfungen stellen keine finanzielle Hürde für mich dar.
- In meinem familiären Umfeld haben Menschen ähnliche Bildungsabschlüsse, wie die Protagonist_innen der politischen Klasse. Hierzu zählt Studium bzw. Doktoritel in Jura, Medizin, BWL.
classism dominanz kritik privilegHier stelle ich euch einen Peformanceaufbau vor, von dem ich neulich gehört habe. Er ist kein Aufruf zum Nachmachen, sondern ein künstlerisches Konzept, das diskutiert werden kann.
Das Theater der Kritischen Kriminalität
1. Streich
Alle Spieler_innen befinden sich auf der Bühne. Sie spielen Figuren, die an ihre eigenen Personen angelehnt sind, diese stilisierten Figuren erzählen von sich (Beruf, Ausbildung, finanzielle Situation, Persönliches, …). Nach und nach formulieren sie ihre Sorgen, Ängste und Wünsche. Es kristallisiert sich heraus, dass sich alle Anliegen auf materielle Wünsche zurückführen lassen. Eine_r wünscht sich ein schickes Kleid, eine_r warme Winterschuhe, eine_r Nahrungsmittel, eine_r Schnaps und Zigaretten, eine_r Tampons, eine_r etwas zum Spielen für ihre kleine Schwester. Es gibt unterschiedliche Dringlichkeiten und unterschiedlich nachvollziehbare Wünsche, sodass die Grenzen des Akzeptierens (Mundraub, aus Hunger/Bedürftigkeit ein Verbrechen begehen) und des Entrüstetseins (faul und gierig, nur an blindem Konsum interessiert) fließend verlaufen können.
Sie kündigen an, sich nun gegenseitig ihre Wünsche zu erfüllen.
2. Streich
Die Spieler_innen kündigen an, dass sie das Theater für etwa eine Stunde verlassen werden. Sie laden die Zuschauer_innen ein, sich mit ihnen an einem verabredeten Eingang des Einkaufszentrums wiederzutreffen. Am Treffpunkt versammelt sich das Publikum. Die Spieler_innen betreten den Laden/die Mall und stehlen mit gegenseitiger Hilfe die gewünschten Gegenstände. Sie verlassen den Laden, treten je nach Bedarf die Flucht an und treffen die Zuschauer_innen am ursprünglichen Spielort wieder. Die Zuschauer_innen begeben sich zurück zumTheater, wenn sie sehen, dass die Spieler_innen den Laden verlassen haben.
3. Streich
Die Spieler_innen verteilen untereinander die gewünschten und gestohlenen Gegenstände und freuen sich darüber.
Ende.
Vorbereitungsphase/Probenzeit:
In der Probenzeit werden die geplanten kriminellen Handlungen diskutiert und geplant. Recherche über die Schlechtigkeit der Konzerne, den Staat und den Neoliberalismus ganz allgemein. Diskussion über Abhängigkeit, Konsum, Eigentum, Kriminalität, Gewissen, soziale Verantwortung & Co. Entscheidungsfindung: Welche Filialen welcher Ketten werden bestohlen? Auf welche Weise? Fluchtwege, Trainings, Observation der konkreten Objekte, Zusammenspiel der Gruppe, etc. Figuren und Text entwickeln.
Variante: im ersten Akt fragen die Spieler_innen im Publikum nach, „wir gehen später noch zu H und M, wollen Sie auch was?“ und erfüllen im 2. Und 3. Akt die Wünsche einzelner Zuschauer_innen. Dadurch machen sie sie zu Mittäter_innen.
Fragen an das Konzept:
- Machen die Spieler_innen ihre Methoden öffentlich, zB im 1.Streich, oder bleibt es ein „Zaubertrick“?
- Müssen/sollten die Spieler_innen (zB aus ihren mehr oder weniger fiktiven Biografien) begründen, wieso es in ihrem Falle gerechtfertigt sei, das Eigentumsdiktat zu durchbrechen? Sollten sie es gerade nicht begründen/moralisch einleuchtend argumentieren, weil es FÜR ALLE gerechtfertigt ist, das Eigentum von Großkonzernen nicht zu respektieren?
- Vorbereitung auf juristische Situationen?
- Wer spielt mit, wer übernimmt die Verantwortung, welches Haus oder welche Spielstätte kann/darf/will eine solche Performance zeigen?
Was mich daran interessiert:
Ich liebe Performance-Situationen, in denen nicht nur gespielt wird, dass etwas geschieht, sondern gleichzeitig eine wirkliche Handlung außerhalb der Gespielten ausgeführt wird. Als würde jemand auf der Bühne einen Kuchen backen, mit richtigen Zutaten, einem richtigen Backofen und richtigem Zuckerguss darauf.
Ich frage mich, wie weit die künstlerische Freiheit geht und wie sehr ein Publikum sich zu Zeug_innen/Mittäter_innen machen lassen würde.
Ich finde es spannend über Umverteilung im Kleinen nachzudenken. Was passiert, wenn alle sowas machen würden? Gesetze und Vorschriften funktionieren nur, weil sich die meisten daran halten. So viel Polizei kann es auf der Welt gar nicht geben, um alle unter Kontrolle zu halten. Die Kontrolle sind wir selbst, wir kontrollieren uns und halten uns an die Spielregeln.
Mir gefällt die Provokation.
Mir gefällt die Perspektive des Konzeptes: Kunst oder Theater der Kritischen Kriminalität.
Mich interessiert, wie sich eine Gruppe, die ein solches Konzept erarbeitet, entwickelt; wie sie mit den ganz konkreten Gefahren und Schwierigkeiten umgeht. Hier geht es um mehr als eine verpatzte Aufführung, denn die Teilnehmer_innen einer solchen Performance setzen ihre Freiheit (sofern sie sie besitzen) aufs Spiel.
anarchismus angst d.i.y. klauen kunst performance popkultur privileg rauben revolte spaß stehlen theater„Super, dass du dich mit kämpferischen Frauen* identifizierst, mach das doch zum Gegenstand deiner künstlerischen Arbeit!“
Viele Künstler_innen machen das, zum Beispiel Sookee. Sie thematisiert in ihren Liedern Sexismus, Homohass, Rassismus und andere *ismen und Ausschlüsse. Sie reflektiert über sich und ihren politischen Werdegang, formuliert klare Messages, erklärbärisiert mal mehr, mal weniger; hat dabei immer sichtbar nachvollziehbare Positionen.
So sehr die gefochtenen und nichtgefochtenen Kämpfe anderer Frauen* und Feminist_innen in der Kunst mich inspirieren, ermutigen und mir ein Gefühl von einer mysteriösen Gemeinschaft im Geiste geben können, ist dieser Weg für mich auch mit Bauchschmerzen verbunden. An meiner Akademie zu studieren, steht nicht allen offen, die dies gerne würden. Trotzdem will ich nicht auf hohem Niveau jammern, sondern prangere eine grundlegende Umgangsweise mit marginalisierten Positionen im akademischen und künstlerischen Ausbildungsbetrieb an.
„Super, dass du dich mit kämpferischen Frauen* identifizierst, mach das doch zum Gegenstand deiner künstlerischen Arbeit!“, empfahl mir ein wohlmeinender Mentor. Damit schiebt er mir, als erklärte Feministin, die Verantwortung in die Schuhe. Ich beklage sexistische Zustände an der Akademie? Prima! Zum Glück bin ich ja Künstlerin und kann die Missstände locker in meinen Kunstauswurf miteinschließen. Nicht die Akademieleitung müsste sich selbst und alles ändern, nein: Ich soll meine kostbaren, weil beschränkten Mittel dafür aufwenden, die Probleme anzuprangern. Wieso reicht es nicht, dass ich sie klar und deutlich anprangere, wörtlich, schriftlich, formell und nicht als Kunstwerk verpackt? Damit nicht darauf reagiert werden muss? Damit man mich dafür loben kann, beispielhaft, wie politisch und couragiert meine Arbeit sei? Damit ich eine Schlumpfine mit besonderen Fähigkeiten bin, die der Akademie und allen, die sie fördern und finanzieren, als Beweismittel dienen kann, wie politisch und couragiert der ganze Laden an sich ist?
Nee kein Bock da drauf.
Ich fordere die Anliegen der kämpferischen Frauen*, auf der Ebene der Arbeitsbedingungen ein.
Mein Ich und was aus mir herausströmt ist mehr als diese Anliegen. Ich bin mit Leib und Seele eine kämpferische Frau*, aber ich bin auch weiß und will gegen Rassismus kämpfen, ich bin für Gemeinschaft, Solidarität, Frieden und gegen Gefängnisse und Missbrauch von Körpern und Seelen; ich liebe Farben, Stimmen, Töne, Fasern unter meinen Fingern, Wörter, Geschichten und Träume. Das bin ich, und das will ich nicht der für mich vorgesehenen politisch hervorragenden Kunst opfern. Ich will gute Bezahlung, herrschaftsfreie Diskussionen, faires Zusammenleben, antirassistische Positionierung, Inklusion aller Gender und Körper, unterstützt von Sookee & Co., und DANN will ich zu arbeiten anfangen.
Dann will ich anfangen mit dem Denken, Diskutieren, Träumen, Spinnen, Planen, Proben und dem Kunst oder was auch immer Schaffen.

